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Notiz 815.  Komm [zum Pharao]

„Komm zum Pharao, denn Ich habe sein Herz und das Herz seiner Knechte verhärtet, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte tue“ (Exodus 10:1).

Die Kommentatoren stellen hierzu zwei Fragen:

1. Über die Worte „denn Ich habe sein Herz verhärtet“ – wenn der Schöpfer selbst das Herz des Pharao verhärtet hat, also ihm den freien Willen genommen hat, wie kann er dann noch schuldig gesprochen werden?

2. Warum heißt es „Komm zum Pharao“ – es müsste doch „Geh zum Pharao“ heißen, denn „Komm“ bedeutet, dass der Schöpfer gemeinsam mit Moses geht.

Um das zu verstehen, gehen wir von dem Lehrsatz unserer Weisen aus:

„Ein Mensch soll sich immer so sehen, als ob er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte gerecht ist. Wer ein einziges Gebot erfüllt, ist glücklich, denn er hat sich zur Seite der Verdienste geneigt.“ (Traktat Kidduschin 40b)

Doch man kann fragen:

Wie kann ein Mensch von sich behaupten, er sei „halb [schuldig] und halb [gerecht]“, wenn er selbst weiß, dass er mehr Sünden als gute Taten hat?

Und warum sagen die Weisen, „immer“ [soll sich der Mensch so sehen] – also auch nachdem er eine Mizwa erfüllt und sich zur Seite der Verdienste geneigt hat, soll er sich weiter als halb-halb sehen? Wenn er bereits weiß, dass er sich auf die Seite des Guten geneigt hat, wie kann er sich dann weiterhin als ausgeglichen sehen?

Ebenso sagten unsere Weisen: „Wer größer ist als sein Freund, dessen böser Trieb ist ebenfalls größer.“ (Traktat Sukka 52a)

Auch hier ist die Frage: Warum verdient jemand, der größer ist, einen noch schlimmeren bösen Trieb als jemand, der kleiner ist?

Die Antwort liegt darin, dass unsere Weisen uns mit diesen Worten den Weg in der Arbeit des Schöpfers zeigen wollen – sie geben uns Ratschläge, wie man sich aus der Herrschaft des bösen Triebes befreien kann.

Deshalb sagen sie: "Ein Mensch soll niemals sagen: „Ich habe so viele Sünden und so wenige Verdienste – es lohnt sich gar nicht mehr, den Weg des Guten zu gehen.“” Denn wenn er so denkt, dann sieht er sich als vollständig unter der Herrschaft des Bösen. Er denkt, dass er mit schlechten Eigenschaften geboren wurde und sich daher nicht mehr retten kann.

Aber in Wahrheit gilt der freie Wille gerade in dem Zustand, in dem Gut und Böse im Menschen ausgeglichen sind. Nur dann kann man sich bewusst auf die Seite des Guten neigen.

Wenn jedoch das Böse im Menschen stärker ist, oder auch das Gute – dann besteht kein freier Wille mehr. Denn wie man nicht wählen kann, wenn das Böse überwiegt, so kann man auch nicht wählen, wenn das Gute überwiegt.

Deshalb sagte man: „Immer soll sich der Mensch als halb-halb sehen.“ Das bedeutet: Auch wenn man bereits gewachsen ist und mehr Gutes in sich trägt, wird von oben auch das Böse im selben Maß vergrößert, um das Gleichgewicht herzustellen und weiterhin die Möglichkeit zur Wahl zu geben.

So ergibt sich: Wenn jemand erkennt, dass sein Gutes nur sehr schwach ist – dann muss er wissen, dass auch sein Böses klein ist. Und auch wenn er viele Sünden begangen hat, wurde das Maß des Bösen trotzdem so reduziert, dass es weiterhin eine Wahlmöglichkeit gibt – entweder durch die Hölle (Gehenom), durch Umkehr aus Furcht oder aus Liebe.

Für die Zukunft – ab dem jetzigen Moment – bekommt der Mensch immer wieder neue Möglichkeiten, bei denen das Böse nie größer ist als das Gute, sodass er immer wählen kann.

Das bedeutet: Auch wenn ein Mensch viele schlechte Taten begangen hat, ist die Kraft des Bösen in der Gegenwart nicht stärker als die des Guten – damit er frei wählen kann. Und sobald er eine Mizwa erfüllt, und das Gute zunimmt, wird auch das Böse vergrößert – wiederum auf das gleiche Maß. So bleibt er auch dann „halb-halb“.

Daraus folgt auch das Verständnis des Verses: „Komm zum Pharao, denn Ich habe sein Herz verhärtet“ (Exodus 10:1) – nachdem der Pharao selbst sagte: „Der Ewige ist gerecht“ (Exodus 9:27), hatte er sich bereits zur Seite der Verdienste geneigt, war also groß geworden, und hatte dadurch keinen freien Willen mehr. Deshalb war es notwendig, dass der Schöpfer sein Herz verhärtet, also das Böse in ihm vergrößert – um ihm die Wahlmöglichkeit zurückzugeben.

Das bedeutet: Die Verhärtung des Herzens nimmt ihm nicht den freien Willen – sondern sie gibt ihm gerade die Möglichkeit, sich bewusst zu entscheiden.

korrigiert, EY, 16.04.2025