295. Wer den Siebten heiligt – 1
Im Lied „Kol Mekadesh“ heißt es: „Sein Lohn ist sehr groß, seinem Wirken entsprechend.“ Die bekannte Frage lautet: Zuerst heißt es „Sein Lohn ist sehr groß“, danach widerspricht der Text sich jedoch mit den Worten „seinem Wirken entsprechend“. Das bedeutet: genau seinem Wirken entsprechend und nicht mehr.
Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst wissen, was Lohn ist. Bekanntlich sagten unsere Weisen: „Seid wie Diener, die dem Meister dienen, nicht um Belohnung zu empfangen.“ Vielmehr muss man liShma arbeiten.
Von Lohn kann man sprechen, wenn er nach einer Anstrengung kommt: Der Mensch strengt sich an, etwas zu finden, das sich ohne Anstrengung nicht finden lässt. Bei Dingen, die überall vorhanden sind, kann man dagegen nicht von Anstrengung sprechen.
So kann man nicht sagen, ein Mensch strenge sich an, einen kleinen Stein von einem Zentimeter mal einem Zentimeter zu finden. Dafür kann er irgendeine Baustelle betreten und wird dort sogar ein Stück Schotter finden, das größer als ein Zentimeter mal ein Zentimeter ist.
Daher kann man nicht sagen, er habe als Lohn einige kleine Schottersteine erhalten, denn was überall vorhanden ist, erfordert keine Anstrengung. Wenn man so etwas erlangt, kann man seine Erlangung deshalb nicht als Lohn bezeichnen.
Anders ist es bei einem Diamanten von einem Zentimeter mal einem Zentimeter, denn einen solchen zu finden ist in der Wirklichkeit schwierig. Deshalb muss der Mensch sich sehr anstrengen, um den Diamanten zu erlangen. Wenn er ihn erlangt, heißt es, dass er seinen Lohn für die Anstrengung bereits erhalten hat.
Wir müssen glauben: „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit“, wie geschrieben steht: „Ich erfülle den Himmel und die Erde.“ Ebenso steht im heiligen Sohar und in den Schriften des ARI, dass jeder Genuss, den wir an materiellen Dingen empfinden, nur ein feines Leuchten vom Licht des Schöpfers ist.
Wo das Licht des Schöpfers offenbart ist, kennt der Genuss selbstverständlich kein Ende. Daraus folgt: Wenn wir glauben, dass „die ganze Erde von Seiner Herrlichkeit erfüllt ist“, dann erfüllt der Genuss die ganze Welt.
Wenn nun etwas die ganze Welt erfüllt, müssen wir dem Genuss nicht nachgehen, denn es gibt keinen Ort auf der Welt, der nicht von Genuss erfüllt wäre. Daher ist es selbstverständlich, dass man sich für den Genuss nicht anstrengen muss. Ebenso kann man nicht sagen, jemand habe Lohn erhalten, wenn er den Genuss empfängt. Denn für den Empfang dessen, was keine Anstrengung erfordert, kann man nicht die Bezeichnung „Lohn“ verwenden.
Damit stellt sich die Frage: Welchen Lohn erhalten wir als Gegenleistung für unsere Anstrengung?
Wir sagten, dass die Welt aufgrund von „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit“ voller Genüsse ist. Warum aber empfinden wir das Licht des Schöpfers nicht, das die Welt erfüllt? Die Antwort lautet: Der Schöpfer bewirkte eine Einschränkung und Verhüllung, damit das Licht des Schöpfers nicht empfunden wird und kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) entsteht, wie in Punkt 141 der Einführung in die Weisheit der Kabbala erklärt wird.
Wenn der Mensch jedoch eine Stufe erreicht, auf der er dem Schöpfer geben will, das heißt seinem Erschaffer Wohlgefallen bereiten möchte, beginnt er darüber nachzudenken, was dem Schöpfer fehlt, damit er es Ihm geben kann. Denn seine ganze Sorge besteht nur darin, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Dann erkennt er: Der Schöpfer erschuf die Welt einzig, damit die Geschöpfe von Ihm Genüsse empfangen; mehr fehlt dem Schöpfer nicht. Deshalb erfüllt der Mensch nun den Willen des Schöpfers und empfängt die Genüsse.
Dann gibt es kein Brot der Schande mehr, denn er empfängt die Genüsse nicht, weil er genießen will, sondern weil er dem Schöpfer geben will. Wenn der Mensch die Stufe erreicht, auf der er nur dem Schöpfer geben will, weicht die Einschränkung von ihm, und er sieht, dass die Welt von Seiner Herrlichkeit erfüllt ist.
Nun sieht er, dass ihm all dies offenbart wurde, damit er es genießt. Nachdem er die Stufe des Gebens erlangt hat – die Stufe, auf der sein ganzes Verlangen nur darauf gerichtet ist, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten –, erfüllt der Mensch sich daher mit allen Genüssen, die seine Augen sehen, wie oben zu „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit“ erklärt wurde.
Was muss der Mensch demnach erlangen, damit wir von ihm sagen können, er habe nach vielen Jahren der Anstrengung und Mühe bereits seinen Lohn erhalten? Nur eines: das Verlangen zu geben (Razon lehashpia), also die Stufe, auf der er dem Meister dienen will, ohne dafür Belohnung zu empfangen.
Alle Anstrengung, die der Mensch in Tora und Mizwot aufbringen muss, dient nur dazu, dies zu erlangen. Das nennt man Ehrfurcht (Jira) vor dem Himmel, wie geschrieben steht: „Was fordert der Ewige, dein Gott, von dir? Nur, Mich zu fürchten.“
Die Ehrfurcht zeigt sich in dem, was unsere Weisen sagten: „Als Lohn dafür, dass Moses sein Gesicht verbarg, weil er sich fürchtete hinzusehen, wurde er dessen würdig: ‚Das Bild des Ewigen schaut er‘.“2
Die Ehrfurcht lässt sich so erklären: Der Mensch muss sich dem Schöpfer nähern, also sich Ihm anhaften, wie geschrieben steht: „und Ihm anhaften.“ Unsere Weisen erläuterten: „Hafte Seinen Eigenschaften an: Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“3 Dies bedeutet Angleichung der Form. Der Mensch muss fürchten, vom Schöpfer entfernt zu sein, weil er nicht aus der Eigenliebe herauskommen kann. Diese ist die Eigenschaft des Empfangens, die „Verlangen zu empfangen (Razon lekabel)“ heißt.
Daher besteht der ganze Lohn, auf den der Mensch hoffen soll, allein darin, die Kraft des Gebens zu erlangen.
Dies bedeutet: „Sein Lohn ist sehr groß, seinem Wirken entsprechend.“ Wenn er in Tora und Mizwot wirkt und sich anstrengt, erlangt er seinen Lohn – die Kraft des Gebens. Dann vergrößert die Kraft des Gebens, die „sein Lohn ist sehr groß“ heißt, die Eigenschaft „sehr“, wie im Sohar geschrieben steht: „‚Gut‘ ist der Engel des Lebens; ‚sehr‘ ist der Engel des Todes, denn er ist größer.“4
Das heißt: Dies ist die Fülle, die zum ursprünglichen Verlangen zu empfangen gehört, also zur vierten Bchina, auf der die Einschränkung lag. Wer in das Verlangen zu empfangen eintritt, ist tot, weil das Licht des Lebens von ihm weicht.
Indem man jedoch das Kli (Gefäß) des Gebens erlangt, empfängt man Teile des Genusses, der zur vierten Bchina gehört, bis das Ende der Korrektur (Gmar Tikun) erreicht ist. Dann wird der gesamte Genuss, der zur vierten Bchina gehört, mit der Absicht zu geben empfangen. Dies heißt Ende der Korrektur.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Die ursprüngliche Angabe „Punkt 4.1“ war die einzige dezimal untergliederte Verweisstelle im gesamten Werk und wurde auf Punkt 14 korrigiert: Dort bewirkt der Zimzum Alef (Erste Einschränkung) genau die hier beschriebene Einschränkung, im anschließenden Punkt 15 erklärt am Gastgeber-Gast-Gleichnis das Schamgefühl des Empfangenden, das dem hier genannten „Brot der Schande“ entspricht. Die Begriffe „Brot der Schande“/„Nahama deKisufa“ kommen in der geprüften deutschen Übersetzung nicht wörtlich vor; die Zuordnung stützt sich auf die inhaltliche Übereinstimmung. ↩
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Brachot 7a. ↩
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Sota 14a. ↩
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Truma 149b. ↩