300. Ein Land, in dem du Brot ohne Mangel essen wirst
„Ein Land, in dem du nicht in Armut Brot essen wirst.“ Mit dem Essen von Brot ist die obere Fülle gemeint, wie unsere Weisen über Adam haRishon (der erste Mensch) sagten: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen.“1 Von Armut spricht man, wenn ein Mensch auf andere angewiesen ist; dann wird er als arm bezeichnet. Wer dagegen mit seinem Anteil zufrieden ist, wird als reich bezeichnet. Das Wort Eretz (Land) leitet sich von Razon (Verlangen) ab, wie es im Midrash heißt: „Warum wurde sie Eretz genannt? Weil sie danach verlangte, den Willen ihres Schöpfers zu erfüllen.“
Wenn der Mensch arm ist, wenn ihm also etwas fehlt, bedeutet dies, dass seine Erfüllung von Tora und Mizwot nicht so ist, wie sie sein sollte – weder im Mocha (Verstand) noch im Herzen. Dann gelangt er zu dem Punkt der Wahrheit, der „Erkenntnis des Bösen“ heißt: Er erkennt die Wahrheit über seinen Zustand und kann dadurch mit der Füllung des Mangels belohnt werden. Wer dagegen keinen Mangel, also kein Kli (Gefäß), hat – wie kann in ihn Fülle gegossen werden?
Damit lässt sich erklären: „Armut steht Israel so gut wie ein roter Riemen einem weißen Pferd.“2 Denn jedes Mal, wenn der Mensch einen Mangel hat, kann er dafür eine Füllung empfangen und dadurch von Stufe zu Stufe voranschreiten. Andernfalls bleibt er auf der Stufe eines Stehenden und nicht auf der eines Gehenden.
Doch zusammen mit dem Kli, das „Armut“ heißt, muss er auch mit seinem Anteil zufrieden sein, was als Reichtum gilt. Das bedeutet, dass er einverstanden sein muss: Wenn der Schöpfer will, dass er in seinem gegenwärtigen Zustand voller Mängel bleibt, ist er auch damit zufrieden.
Wie unsere Weisen sagten: „So wie man über das Gute den Segen spricht, so spricht man ihn auch über das Böse.“3 Der Mensch soll sich also vorstellen, wie er den Schöpfer preisen würde, wenn der Schöpfer ihm die Füllung seiner Mängel gäbe. Ebenso spricht man den Segen über das Böse, in dem er sich befindet. Trotz all des Bösen, das er in sich erkennt, soll er mit seinem Anteil zufrieden sein; dann gibt ihm der Schöpfer Brot.
Dies ist die Bedeutung von „Land“, also Verlangen, „in dem du nicht in Armut“ bist: Nicht allein durch den Mangel kann der Mensch mit Brot vom Himmel belohnt werden. Er muss auch den Zustand des Reichtums haben, der „nicht in Armut“ heißt. Dann gilt: „Du wirst darin Brot essen“, also obere Fülle.
Wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte: Da „der Verfluchte haftet nicht am Gesegneten an“, „ruht die Shechina nur inmitten der Freude“. Der Mensch ist also bereit, mit all dem Bösen zu verbleiben, wenn der Schöpfer es so will, und sich in diesem Zustand mit Tora und Mizwot zu beschäftigen.
Dies heißt „mit seinem Anteil zufrieden“. Dann ist er reich. Das ist die Bedeutung von: „So wie man über das Gute den Segen spricht, so spricht man ihn auch über das Böse.“ Wenn der Mensch mit dem in Tora und Mizwot verborgenen Guten belohnt würde, wäre seine Arbeit gewiss von Freude, Begeisterung und innerer Ruhe erfüllt. Ebenso muss seine Arbeit jetzt, da er sich in einem Zustand voller Mängel befindet, in Freude und Ruhe geschehen. Dann wird er mit der Speise des Menschen belohnt, die „Brot“ heißt.
Dies bedeutet, dass der Mensch sich sowohl am Tag als auch in der Nacht mit Tora beschäftigen muss und dass Nacht und Tag für ihn gleich sein sollen, wie im heiligen Sohar zu Beginn des Wochenabschnitts BeShalach steht. Der Zustand der Vollkommenheit, „Tag“ genannt, und der Zustand der Unvollkommenheit, „Nacht“ genannt, sollen für ihn gleich sein. Wenn seine Absicht um des Himmels willen ist, ist er damit einverstanden, denn er will seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten.
Wenn der Schöpfer will, dass er im Zustand der Unvollkommenheit bleibt, ist er auch damit einverstanden. Dieses Einverständnis zeigt sich darin, dass er seine Arbeit so ausführt, als wäre er mit Vollkommenheit belohnt worden. Das heißt „einverstanden sein“: Tag und Nacht sind für ihn gleich.
Besteht dagegen ein Unterschied, so besteht im Maß dieses Unterschieds auch Trennung, und an dieser Trennung können sich bereits die Äußeren festhalten. Wenn der Mensch also spürt, dass für ihn ein Unterschied besteht, muss er beten, dass der Schöpfer ihm hilft, damit es für ihn keinen Unterschied gibt. Dann wird er, wie oben beschrieben, mit Vollkommenheit belohnt.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026