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291. Der Mensch und seine Rolle

Bevor wir über irgendeine Sache zu sprechen beginnen, müssen wir wissen, wer spricht und zu wem gesprochen wird. Dabei besteht für uns kein Zweifel, dass wir Geschöpfe genannt werden, das heißt, dass wir in einer Welt leben, die als Existenz aus dem Nichts erschaffen wurde. Mein Vater und Lehrer legte in seinen Büchern ausführlich dar, dass in uns nur das Verlangen zu empfangen als etwas Neues aus dem Nichts erschaffen wurde. Solange es in unserer Welt besteht, will es ausschließlich Genussgüter erwerben.

Wir sehen, dass sich die Menschen in Bezug auf den Genuss nicht voneinander unterscheiden. Jeder will genießen – vom ersten Tag seines Lebens bis zu seinem letzten Tag.

Der einzige Unterschied besteht darin, in welche Einkleidung das Licht des Genusses im Menschen gekleidet ist. Denn Genuss ist etwas Spirituelles, das ohne Einkleidung weder erlangt noch erfasst werden kann. In den Büchern der Kabbala heißt es dazu: „Es gibt kein Licht ohne ein Gefäß (Kli).“ Daher lassen sich Menschen nur anhand der Gefäße unterscheiden. Manche Menschen können Genuss nur aus einer Einkleidung der Unwahrheit empfangen; aus einer Einkleidung der Wahrheit können sie noch keinen Genuss empfangen.

Das sehen wir an einem kleinen Mädchen, das mit einer Puppe spielt – einem aus Stoffresten gefertigten Jungen oder Mädchen. Obwohl dieses Kind nicht echt ist, findet das kleine Mädchen daran Gefallen und Genuss.

Bei einem echten Kind ist es anders. Angenommen, in demselben Haus lebt ein sechs Monate altes Kind, das weint. Die Mutter bittet dann das sechsjährige Mädchen: „Warum spielst du mit einem Kind, das nicht echt ist, und küsst es? Spiel doch mit dem echten Kind; dann werden wir alle drei Freude daran haben: Ich als Mutter kann es nicht ertragen, dass das Kind weint. Das Kind wird sich freuen, wenn du mit ihm spielst, und nicht mehr weinen. Und du wirst an diesem Spiel ebenso viel Freude haben wie am Spiel mit der Puppe.“

Darauf antwortet das Mädchen: „Das ist alles schön und gut, aber an diesem echten Kind finde ich weder Geschmack noch Genuss.“

Wenn die Mutter dem Mädchen erwidert: „Du siehst doch, dass ich, sobald ich Zeit habe, mit dem echten Kind und nicht mit der Puppe spiele“, antwortet das Mädchen: „Ich sehe, dass du in dieser Welt keinen Genuss und keine Freude empfangen willst; deshalb spielst du mit dem echten Kind. Ich dagegen will genießen, und deshalb spiele ich mit der Puppe.“

Das bedeutet: Die eine versteht die andere nicht. Wie oben erklärt, kann das Mädchen noch keinen Genuss aus etwas Wahrem gewinnen, sondern nur aus etwas Unwahrem.

So lässt sich ein Mensch vom anderen unterscheiden – allerdings nur anhand der Einkleidung. Hinsichtlich des Genusses sind alle gleich: Wo es keinen Genuss gibt, kann der Mensch nicht genießen. Beschäftigt er sich mit etwas, das ihm keinen Genuss bereitet, dann nur, wenn er weiß, dass er später für diese Anstrengung Genuss empfangen wird. Wir müssen verstehen, woher dies kommt und was der Grund dafür ist, dass wir Genuss empfangen müssen und ohne ihn nicht leben können.

Die Antwort lautet: Es geht aus dem Schöpfungsgedanken hervor, der darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. So steht im Midrash das Gleichnis von einem König, der einen Turm voller Güter besitzt. Deshalb wurde uns das Verlangen eingeprägt, ausschließlich Genuss zu wollen. Es ist wie bei einer Mahlzeit: Fehlt der Appetit, sagt man, die Mahlzeit sei nicht gelungen.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026