298. Die Eigenschaft der Barmherzigkeit mit dem Urteil verbinden
Da der Mensch aus Bchina Dalet hervorgeht, die dem leeren Raum entstammt und deren Absicht darin besteht, um des Empfangens willen zu empfangen, gäbe es, wenn er allein aus dieser Wurzel bestehen bliebe, keinerlei Möglichkeit, sie in eine Absicht um des Gebens willen zu verwandeln. Wenn sich jedoch auch die Eigenschaft des Gebens, die Eigenschaft der Barmherzigkeit, in ihm mit ihr verbindet, verfügt er dadurch über die besondere Kraft von Tora und Mizwot, um des Gebens willen zu handeln, und kann sie verwandeln.
Dies ist zu verstehen, denn wir sehen, dass der Mensch von Natur aus in die Begierden dieser Welt versunken ist. Manchmal erwacht er jedoch und sehnt sich dann danach, zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer zu gelangen. Während dieses Erwachens, so sehen wir, fällt es ihm überhaupt nicht schwer, die Körperlichkeit zu verlassen; alle seine Gedanken und Wünsche gelten nur der Spiritualität. Wenn er aber von seiner Stufe herabfällt, kehrt er zu seinem alten Verhalten zurück und denkt wieder nur an körperliche Dinge.
Man kann sagen: Wenn Bchina Dalet in ihm offenbart ist, das heißt, wenn ihn irgendeine Begierde erfasst, kann er aufgrund seiner Natur das Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) nicht überwinden. Erwacht dagegen die Eigenschaft der Barmherzigkeit in ihm, also die Kraft des Gebens, hat er ebenfalls keine Wahl, sondern strebt nach Spiritualität. Wenn danach Bchina Dalet wieder in ihm erwacht, kehrt er erneut zu seinem alten Verhalten zurück.
Daher sehen wir: Wenn sich der Mensch im Zustand des Abstiegs befindet, also unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen, hat er keine Wahl. Und wenn das Verlangen zu geben (Razon lehashpia) in ihm wirkt, braucht er keine Wahl. Demnach besteht seine ganze Wahl darin zu bestimmen, wer herrschen soll: die Eigenschaft des Gerichts in ihm oder die Eigenschaft der Barmherzigkeit in ihm. Mit Auseinandersetzungen, Überlegungen und verstandesmäßigen Argumenten kann man jedoch nichts ausrichten, solange die Eigenschaft des Gerichts in ihm herrscht.
Daraus folgt, dass der Mensch nichts anderes tun kann, als sich mit Büchern und Autoren zu verbinden, die sich mit dem Verlangen zu geben befassen. Dann erwacht in ihm die Eigenschaft der Barmherzigkeit, und von selbst wird er sich ohne jede Anstrengung nach Spiritualität sehnen. Das heißt, die eigentliche Arbeit kann zu einer Zeit stattfinden, in der niemand herrscht. Dann hat er die Wahl, wer herrschen soll.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026