292. Einer, der sich im Streit zurückhält
Rabbi Ilai sagte: „Die Welt besteht nur für den, der sich zur Zeit eines Streits zurückhält, wie es heißt: ‚Er hängt die Erde an das Nichts‘.“1
Es gilt zu verstehen, dass der Bestand der Welt davon abhängt. Wenn zwei Menschen miteinander streiten, kann die Welt nicht mehr bestehen – außer unter der Bedingung, dass der eine seinen Mund zurückhält, das heißt, dass er dem anderen nicht antwortet. Dann kann die Welt bestehen.
Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu verstehen. Bekanntlich hat der Mensch von Geburt an den Bösen Trieb (Jezer haRa). Wenn er sich mit Tora und Mizwot befassen will, fragt ihn der Böse Trieb: „Was wirst du davon haben?“ Darauf gibt es vier Antworten:
1) Er antwortet dem Bösen Trieb, dass seine Absicht Rache ist, das heißt, dem anderen Leid zuzufügen. Diese Antwort nennen unsere Weisen lo liShma, „und es wäre besser gewesen, wenn sich seine Plazenta über sein Gesicht gewendet hätte“.2
2) Er tut es, damit man ihn Rabbi nennt. Das heißt, er antwortet dem Bösen Trieb, dass er lernt, damit die Menschen ihm Lohn zahlen. Ist er unverheiratet, wird er eine angemessene Frau finden; ist er bereits verheiratet, werden die Menschen ihn wegen seiner Tora und seiner Arbeit ehren. Auch dies heißt lo liShma, doch aus lo liShma gelangt man zu liShma.
3) Er antwortet, dass er in Bescheidenheit liShma lernt: Niemand soll seine Arbeit in Tora und Mizwot sehen, damit die Menschen ihn nicht wegen seiner Tora und seiner Mizwot ehren.
Dies gilt als liShma, denn liShma bedeutet, dass er sich mit Tora und Mizwot befasst, damit der Schöpfer ihm seinen Lohn zahlt. Das gleicht jemandem, der für ein bestimmtes Unternehmen arbeitet: Gewiss wird er seinen Lohn für diese Arbeit nicht von einem anderen Unternehmen verlangen.
Ebenso gilt jemand, dessen Absicht darin besteht, dass die Menschen ihn wegen Tora und Mizwot ehren, als einer, der nicht um des Schöpfers willen arbeitet, sondern um der Geschöpfe willen – damit die Geschöpfe ihm seinen Lohn zahlen.
Wenn er dagegen in Bescheidenheit arbeitet und seine Absicht darin besteht, dass der Schöpfer ihm seinen Lohn zahlt, heißt dies, dass er um des Schöpfers willen arbeitet, denn seine Absicht ist, dass nur der Schöpfer ihm seinen Lohn zahlt.
4) Nicht, um eine Belohnung zu empfangen. Das heißt, er arbeitet für den Schöpfer, jedoch ohne jede Gegenleistung. Dann fragt der Böse Trieb: „Was ist das für eine Arbeit, die du ohne jede Gegenleistung verrichtest?“ Darauf gibt es nichts, was man dem Bösen Trieb antworten könnte. Wie es in der Pessach-Haggada heißt: „Mache seine Zähne stumpf.“ Dann kann er diese Arbeit nur über dem Geschmack und über dem Verstand annehmen.
Dadurch wird man des vollkommenen Glaubens würdig. Durch den Glauben wird man der wahren Vollkommenheit würdig, für die der Mensch erschaffen wurde. Daher erfüllt sich dann: „Ist er würdig, so neigt er sich selbst und die ganze Welt zur Seite des Verdienstes.“
Das bedeutet, dass er sich zur Zeit des Streits mit seinem Bösen Trieb zurückhält. Wenn sich der Streit nämlich um die Arbeit dreht, die nicht um des Gebens willen geschieht, hat er nichts zu antworten. Dies heißt: „Er hängt die Erde an das Nichts“ – er hat also keinerlei Grundlage – und gerade dies wird „Nichts“ genannt, sondern handelt über dem Geschmack und über dem Verstand.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026