309. Über das Wandeln im Verborgenen
„Er hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: nichts als Recht zu üben, Güte zu lieben und bescheiden mit dem Ewigen, deinem Gott, zu wandeln.“1
„Bescheiden zu wandeln“ bezeichnet etwas, das im Verborgenen geschieht und den Augen nicht sichtbar ist. Was sichtbar ist, gehört zum Offenbaren – also zu den Handlungen. Jeder kann sehen, was sein Freund tut, aber nicht, was er denkt. Selbst wenn der Freund ihm seine Gedanken mitteilt, ist keineswegs sicher, dass dies sein wirklicher Gedanke ist.
Ein Mensch hat etwa ein Vermögen angesammelt und spendet anschließend einer Tora-Einrichtung. Er sagt, er wolle ihr diese große Summe nur unter der Bedingung geben, dass die Zeitungen darüber berichten. Es lohne sich für ihn, die große Summe zu spenden, um Öffentlichkeit und großes Ansehen zu gewinnen.
Doch selbst wenn er offen sagt, dass er auf Ansehen aus ist, kann seine Absicht eine andere sein. Denn er möchte gerade vermeiden, dass man ihn ehrt, weil er wie ein Gerechter handelt: Obwohl er nicht besonders reich ist, gibt er eine so große Summe, weil ihm die Mizwa, Tora-Lernende zu unterstützen, wichtig ist.
Damit man nicht sagt, er handle um des Himmels willen, und ihn dafür ehrt, dass er eine gerechte Tat vollbringt, erklärt er daher, er tue es um der Ehre willen. Dann wird man ihn nicht ehren. Ein Gedanke lässt sich also nicht offenlegen; sichtbar sind allein die Handlungen. Darum sagt der Vers „bescheiden zu wandeln“: Gemeint ist die Absicht. Sie soll „mit dem Ewigen, deinem Gott“ sein – der Mensch muss also darüber wachen, dass seine Absicht um des Himmels willen ist.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Micha 6:8. ↩