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329. Das Gebet

Beim Gebet gilt: „Stets soll der Mensch den Lobpreis des Schöpfers ordnen und danach beten.“

Man kann fragen: Wenn der Mensch den Lobpreis des Schöpfers ordnet – dass Er gut ist und den Bösen wie den Guten Gutes tut und dass Sein Erbarmen über all Seinen Werken waltet –, dann hat der Schöpfer gewiss auch ihm alles Gute gegeben und jeden seiner Mängel erfüllt. Wofür soll er dann noch beten? Und in dem Maß, in dem er mit seinem Anteil zufrieden ist, in genau diesem Maß kann er den Schöpfer preisen. Was sollte er also noch hinzufügen?

In „Herr aller Welten“, das man am Schabbatabend nach „Friede sei mit euch“ spricht, heißt es: „Ich danke Dir … für all die Güte, die Du mir erwiesen hast und die Du mir künftig erweisen wirst.“

Das bedeutet: Bei allem bedarf es eines Erwachens von unten. Deshalb muss man für die Vergangenheit „Ich danke“ sagen, das heißt Dank aussprechen. Je vollkommener sich der Mensch fühlt, desto wahrhaftiger ist sein Dank. Wenn er mit seinem Anteil zufrieden ist, ist daher auch sein Dank an den Schöpfer wahrhaftiger. Für die Zukunft jedoch muss er ein Gebet und ein Erwachen darbringen.

Das ist die Bedeutung von: „Stets soll der Mensch den Lobpreis des Schöpfers ordnen und danach beten“ – und zwar für die Zukunft. Mein Vater und Lehrer seligen Angedenkens sagte: Wenn der Mensch sich in einem Zustand des Mangels empfindet, gilt er als „verflucht“, und „der Verfluchte haftet nicht am Gesegneten an“. Wenn er hingegen den Lobpreis des Schöpfers ordnet und mit seinem Anteil zufrieden ist, wird er „gesegnet“ genannt. Dann kann er am Gesegneten anhaften. Deshalb beziehen sich alle Gebete auf die Zukunft.

Was die Zufriedenheit mit dem eigenen Anteil betrifft, so kann sich der Mensch darüber freuen, dass er das Haus der Versammlung betreten durfte, auch wenn er keine Lust hat zu beten oder zu lernen. Dann muss er sich sagen: Schon allein in das Haus der Versammlung zu kommen, ist ein großes Privileg, das nicht jedem zuteilwird. Dies entspricht dem Ausspruch: „Wer geht, aber nicht handelt, hat den Lohn für das Gehen in seiner Hand.“

Wenn der Mensch Rechenschaft mit sich ablegen kann, dass er in ein kleines Heiligtum gekommen ist – an einen Ort, an dem sich jeder Einzelne mit dem König aller Könige vereinen kann –, und wenn er dann darüber nachdenkt, zu wem er beten soll, so genügt dies allein, um ihn mit Freude zu erfüllen. Auch das fällt unter: „Stets soll der Mensch den Lobpreis des Schöpfers ordnen und danach beten.“

Doch auch hinsichtlich der Zufriedenheit mit dem eigenen Anteil muss man wissen, dass es dabei um das Sich-Begnügen mit Wenigem geht. Das Begnügen mit Wenigem bezieht sich vor allem auf das Spirituelle, nämlich auf einen geringen Lohn. Das heißt: Der Mensch kann die größten Arbeiten leisten, obwohl er nur einen kleinen Gewinn sieht, und begnügt sich mit diesem geringen Lohn.

Denn als genügsam gilt nicht, wer täglich zweihundert Gramm Brot benötigt und zweihundert Gramm isst. Zwar ist dies wenig, doch es deckt seinen gesamten Bedarf; er braucht nicht mehr, das heißt, er besitzt keine Gefäße, um mehr zu empfangen. Als genügsam gilt vielmehr, wer täglich tausend Gramm benötigt, aber nur zweihundert hat und sich damit begnügt und dabei mit seinem Anteil zufrieden ist. Das nennt man „mit seinem Anteil zufrieden“.

Gemeint sind daher Menschen, die mehr verstehen und ein stärkeres spirituelles Empfinden haben müssten. Obwohl sie bislang weder Empfinden noch Verständnis erlangt haben, begnügen sie sich dennoch damit und sind mit ihrem Anteil zufrieden.

Daraus folgt: Obwohl sie mit ihrem Anteil zufrieden sind, bleiben ihnen dennoch ihre Gefäße, die nicht mit der Vollkommenheit gefüllt wurden, denn gemessen an ihrem Geist finden sie darin keine Befriedigung. Weil sie aber mit ihrem Anteil zufrieden sind, befinden sie sich im Zustand des „Gesegneten“. Dann „haftet der Gesegnete am Gesegneten an“, und sie können erlangen, dass der Schöpfer ihre Augen und ihre Herzen in der Tora des Schöpfers erleuchtet und dass ihnen Empfinden und Verständnis zuteilwerden.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026