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339. Die Erde soll Gras hervorbringen

Schabbat Bereshit (Sabbat), 5718 [19. Oktober 1957], Manchester

„Und Gott sprach: Die Erde lasse … einen Fruchtbaum hervorsprossen.“ Rashi erklärte dazu: „Der Geschmack des Baumes sollte dem Geschmack der Frucht gleichen. Doch die Erde tat es nicht, sondern: ‚Und die Erde brachte … einen Baum hervor, der Frucht trägt‘ – keinen ‚Fruchtbaum‘.

Als Adam wegen seiner Sünde verflucht wurde, wurde daher auch die Erde für ihre Sünde zur Rechenschaft gezogen und verflucht.“ So steht geschrieben: „Verflucht sei die Erde um deinetwillen.“ Die Kommentatoren fragten: Wie kann man sagen, dass die Erde nicht auf die Stimme des Schöpfers hörte? Hat die Erde etwa eine freie Wahl? Außerdem fragten sie, warum die Erde nicht sofort bestraft wurde, sondern erst zusammen mit Adam haRishon.

Im Sinne der spirituellen Arbeit ist zu verstehen, dass die Erde auf den Menschen hinweist. Im heiligen Sohar heißt es: „Das Wesentliche der Erde sind die Menschen.“1 Das Ziel der Erschaffung des Menschen bestand darin, dass er sich mit Tora und Mizwot liShma befasst, wie geschrieben steht: „Jeden, der nach Meinem Namen genannt ist, habe Ich zu Meiner Ehre erschaffen.“

Im heiligen Sohar wird erklärt, dass „nach Meinem Namen“ den Menschen bezeichnet. Dort heißt es: „Jeder, der nach Meinem Namen genannt ist, ist der Mensch. Denn der Schöpfer erschuf ihn mit Seinem Namen, wie geschrieben steht: ‚Und Gott erschuf den Menschen in Seinem Bild.‘ Er nannte ihn bei Seinem Namen, als Er Wahrheit und Gericht in die Welt hervorbrachte und Elokim genannt wurde, wie geschrieben steht: ‚Du sollst Gott nicht verfluchen‘.“2

Die Stufe liShma muss sich in zweierlei Weise zeigen: in der Handlung und in der Absicht. Das nennt man: „Sein Mund und sein Herz stimmen überein.“

Manchmal vollzieht ein Mensch eine Handlung liShma. Sie heißt liShma, weil sich der Handlung nichts hinzufügen lässt. Denn selbst der Größte unter den Großen kann der Handlung nichts hinzufügen. Man kann beispielsweise nicht sagen, dass man Tefillin (Gebetsriemen) auch am rechten Arm anlegen muss, und dergleichen mehr. So steht geschrieben: „Du sollst nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen.“

Der wesentliche Unterschied zwischen den Menschen liegt nur in der Absicht. Denn der Mensch muss sich bemühen, dass auch seine Absicht der Handlung entspricht. Dann heißt dies liShma.

Der „Baum“ bezeichnet das Wesen des Menschen, also die Absicht; die „Frucht“ bezeichnet die Handlung. Der Schöpfer wollte, dass die Erde einen Fruchtbaum hervorbringt, sodass der Geschmack des Baumes und der Geschmack seiner Frucht gleich sind.

Die Erde deutete jedoch darauf hin – denn mit „Erde“ ist, wie oben erklärt, hauptsächlich der Mensch gemeint –, dass bei dem Menschen, der erschaffen werden sollte, Absicht und Handlung nicht gleich sein würden. Damit wird die Frage verständlich: Es war nicht so, dass die Erde nicht auf die Stimme des Schöpfers hören wollte. Vielmehr brachte sie etwas hervor, das dem Menschen entsprach, der später entstehen sollte.

So wird auch verständlich, warum sie nicht sofort bestraft wurde: Der Mensch hatte noch nicht gesündigt. Daher gab es keinen Grund, die Erde zu bestrafen, denn auch die Strafe, die sie erhielt, weist auf den Menschen hin, also auf seine Strafe.

Erst nachdem Adam haRishon bestraft worden war, konnte folglich auch die Erde bestraft werden, damit die Strafe des Menschen an ihr sichtbar wurde. Deshalb heißt es: „Verflucht sei die Erde um deinetwillen.“ Rashi erklärte: „Sie bringt dir verfluchte Dinge hervor, etwa Fliegen, Flöhe und Ameisen. Das gleicht einem Menschen, der auf einen schlechten Weg geraten ist: Die Geschöpfe verfluchen die Brust, die ihn gestillt hat.“ So weit seine Worte.

Wir müssen außerdem wissen, dass auch der Fluch eine Korrektur ist, wie geschrieben steht: „Von Ihm geht das Böse nicht aus.“ Vielmehr dient er der Korrektur. Denn ohne den Fluch würde der Mensch Geschmack an der Frucht finden, obwohl seine Absicht nicht liShma ist. Würde der Mensch sogar in lo liShma Süße empfinden, hätte er keinerlei Notwendigkeit, sich um liShma zu bemühen, denn lo liShma würde ihn vollkommen zufriedenstellen.

Nach dem Fluch ist es anders: Der Mensch findet in seinen Handlungen keine Süße, die ihn zufriedenstellt, und empfindet es wie im obigen Gleichnis, als würden Dämonen von seinen Handlungen zehren. So steht geschrieben: „Dornen und Disteln wird sie dir wachsen lassen.“ In lo liShma empfindet er keinen Geschmack, sondern nur „Dornen und Disteln“. „Und du wirst das Gras des Feldes essen“ bedeutet, dass er den Geschmack von Gras empfindet. Dann kann der Mensch es sich zu Herzen nehmen und sich darum bemühen, dass seine Handlungen liShma sind, dass also sein Baum und seine Frucht gleich sind.

Dazu sagten unsere Weisen: „Rabbi Jehoschua ben Levi sagte: Als der Schöpfer zu Adam sprach: ‚Dornen und Disteln wird sie dir wachsen lassen‘, traten ihm Tränen in die Augen. Er sagte zu Ihm: ‚Herr der Welt, werden ein Esel und ich aus derselben Krippe essen?‘.“3

Das bedeutet: Der Mensch würde an Tora und Mizwot denselben Geschmack empfinden wie ein Esel, der nur an materiellen Dingen Freude hat. Denn „Essen“ bezeichnet Nahrung, an der der Mensch Freude hat und deren Geschmack er empfindet. So wie ein Esel nur an materiellen Dingen Freude und Geschmack findet, würde auch der Mensch an Tora und Mizwot keinen Geschmack empfinden, sondern nur an materiellen Dingen.

Er beruhigte sich erst, als der Schöpfer zu ihm sagte: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen.“ Das heißt: Durch seine Anstrengung wird der Mensch der Stufe liShma würdig und empfindet dann den Geschmack von Brot statt den von Dornen und Disteln.

Vor der Sünde waren bei Adam haRishon der Geschmack seines Baumes und der seiner Frucht gleich. So sagten unsere Weisen, dass beim Baum der Erkenntnis der Geschmack des Baumes und der Geschmack seiner Frucht gleich waren. Das bedeutet: Selbst als Adam vom Baum der Erkenntnis aß, waren Handlung und Absicht liShma, denn die Sünde lag nicht im ersten Essen, sondern erst danach. Darüber sagten unsere Weisen zum Vers: „Ich habe gegessen, und ich werde noch mehr essen“ (siehe die Einführung in Panim Meirot uMasbirot).

Erst nach der Sünde entsprach die Handlung nicht mehr der Absicht. Durch die Anstrengung in Tora und Mizwot wird der Mensch liShma und damit der Stufe des „Brotes“ würdig. Es zeigt sich also, dass es kein Fluch war, sondern eine Korrektur, denn auf diesem Weg gelangt der Mensch zur angestrebten Vollkommenheit.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Bereshit 4, 61b. ↩

  2. WaYikra 104a. ↩

  3. Pesachim 118a. ↩