349. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse
Ausgang des heiligen Schabbat WaEra 5732 [15. Januar 1972]
Im heiligen Sohar heißt es: „Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: Sind sie würdig, ist er gut; sind sie nicht würdig, ist er böse.“
Im Sulam (Leiter-Kommentar) wird erklärt: Wenn der Mensch würdig ist, bleibt die Eigenschaft des Gerichts – die ungemilderte vierte Bchina – verborgen, während die Eigenschaft der Barmherzigkeit enthüllt ist. Das heißt, Malchut, die durch die Eigenschaft der Barmherzigkeit gemildert ist, ist enthüllt. Ist der Mensch dagegen nicht würdig, verhält es sich umgekehrt.
Wir müssen verstehen, was Enthüllung und Verborgenheit bedeuten. Bekanntlich setzt sich der Mensch aus Vorzügen und guten Eigenschaften zusammen, aber ebenso aus schlechten Eigenschaften. Denn „es gibt keinen Gerechten auf Erden, der Gutes tut und nicht sündigt“. Das bedeutet: Beim Menschen findet sich immer ein Mangel, denn er hat noch etwas zu korrigieren; sonst hätte er in der Welt nichts mehr zu tun.
Das heißt: Wenn zwei Menschen sich miteinander verbinden und Freundschaft zwischen ihnen besteht, kann es geschehen, dass einer plötzlich hört, dass der andere ihm Böses angetan hat. Dann zieht er sich sofort von ihm zurück, kann ihm nicht ins Gesicht sehen und sich nicht einmal im Umkreis von vier Ellen seines Freundes aufhalten. Schließlich versöhnen sie sich wieder.
Unsere Weisen sagten: „Besänftige deinen Freund nicht, während er zornig ist.“ Es stellt sich die Frage: Warum? Wenn er zornig ist, liegt der Mangel seines Freundes offen vor ihm. Und so kann er ihm nicht verzeihen, weil der Mangel seines Freundes offenliegt.
Die guten Eigenschaften seines Freundes dagegen, wegen derer er ihn zum Freund gewählt hat, sind jetzt verdeckt; nur dessen Mangel liegt offen. Wie könnte er also mit jemandem sprechen, in dem Böses ist?
Doch wenn nach einiger Zeit das Böse, das sein Freund ihm angetan hat, in Vergessenheit gerät, kann er dessen gute Eigenschaften wieder zum Vorschein bringen und die schlechten verbergen. Das heißt, er kann den guten Eigenschaften seines Freundes wieder seelische Lebenskraft geben.
Naturgemäß gilt: Wenn man den schlechten Eigenschaften seines Freundes keine Kraft und Lebenskraft gibt, werden sie zurückgedrängt und verborgen. Denn sobald man über etwas spricht, verleiht die Rede dem Gegenstand, mit dem man sich beschäftigt, Kraft und Lebenskraft. Wenn also der Zorn vergessen ist – wenn das Leid, das sein Freund ihm zugefügt hat, seine Lebenskraft für ihn verloren hat –, kann er wieder von dem Genuss sprechen, den ihm die guten Eigenschaften seines Freundes bereitet haben.
Dieses Bild zeigt sich noch deutlicher zwischen einem Mann und seiner Frau. Manchmal geraten sie so sehr in Streit, dass sie sich voneinander trennen wollen. Später schließen sie wieder Frieden. Dann stellt sich die Frage: Was ist aus all den schlechten Dingen geworden, die während ihres Streits zwischen ihnen standen? Sind sie etwa aus der Welt verschwunden?
Wir müssen vielmehr sagen: Sie haben die Gründe für den Streit verborgen, also die schlechten Eigenschaften, die jeder am anderen sah. Jetzt, da Frieden herrscht, erinnert sich jeder nur an die guten Eigenschaften, die zwischen ihnen bestehen – an jene Vorzüge, wegen derer ihre Ehe zustande kam.
Doch selbst dann kann jemand aus der Familie kommen, mit dem Mann oder der Frau sprechen und die schlechten Eigenschaften des anderen aufzeigen. Dadurch gibt er jenen Dingen, die bei ihnen zurückgedrängt und verborgen waren, Kraft und Lebenskraft und bringt sie wieder zum Vorschein. So kann ein Mensch eine Trennung zwischen ihnen herbeiführen.
Dasselbe gilt zwischen einem Menschen und seinem Freund. Ein Dritter kommt und zeigt einem der beiden die Fehler und Mängel des anderen. Durch seine Worte gibt er jenen Dingen, die bei ihnen verborgen waren, Kraft und Lebenskraft. Auf diese Weise verursacht der Dritte eine Trennung zwischen ihnen.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb üble Nachrede verboten ist, selbst wenn das Gesagte wahr ist: Sie bringt Dinge ans Licht, die zuvor verborgen waren. Dadurch bewirkt sie nun das Gegenteil: Sie verbirgt die guten Eigenschaften und legt die Fehler des Freundes offen. So entstehen Trennung und Hass zwischen ihnen. Obwohl alles Gesagte wahr ist, kommt es, wie oben erklärt, darauf an, was offenliegt und was verborgen bleibt.
Dasselbe gilt für die Beziehung zwischen Mensch und Schöpfer. Solange das Böse im Menschen verborgen ist und er sich für einen Menschen mit Vorzügen hält, fühlt er sich geeignet, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, denn er ist fähig, in der Stufe aufzusteigen. Ist es dagegen umgekehrt – sind seine Vorzüge verborgen und liegen nur seine Fehler offen –, kann er sich nicht mit Tora und Mizwot beschäftigen, weil er sich zu nichts fähig fühlt.
Deshalb soll er wenigstens diese Welt wie ein Tier genießen, denn ein Mensch zu sein, dazu ist er nicht fähig. Mein Vater und Lehrer sagte darüber: Üblicherweise empfindet der Mensch seine Niedrigkeit, solange er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt; wenn er sich dagegen mit materiellen Dingen befasst, empfindet er keinerlei Niedrigkeit.
Es sollte jedoch umgekehrt sein: Wenn der Mensch sich mit materiellen Dingen beschäftigt, sollte er seine Niedrigkeit empfinden und daher alles ohne Lebenskraft tun. Wenn er sich aber mit Tora und Mizwot beschäftigt, sollte er sich für vollkommen halten. Das entspricht genau dem oben erläuterten Prinzip.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026