370. Der Weg des Landes ging der Tora voraus
„Was bedeutet Or (Licht)? Rav Huna sagt: ‚Helligkeit‘, Rav Yehuda sagt: ‚Nacht‘.“1
„Und Jakob zog aus Beerscheba fort und ging nach Haran und traf auf den Ort.“2 Zum Satz „Jakob zog aus“ heißt es im Sohar: „aus Beerscheba“, aus dem Land Israel; „und ging nach Haran“, ins Ausland. Unsere Weisen sagten, dass Abraham und Isaak das Morgen- und das Nachmittagsgebet eingesetzt haben, die verpflichtend sind, und dass Jakob das Abendgebet eingesetzt hat, das freigestellt ist.3
Wir müssen verstehen, weshalb ausgerechnet Jakobs Gebet nicht verpflichtend sein soll wie die Gebete Abrahams und Isaaks. Schließlich ist Jakob der Auserwählte unter den Urvätern, wird „Jakob, der Vollkommene“ genannt und brachte die zwölf Stämme hervor.
Gewöhnlich empfindet ein Mensch, der spürt, dass sein Freund ihm etwas Gutes tut, die moralische Verpflichtung, ihn für diese Wohltat zu segnen und ihm von nun an ebenfalls Gutes zu erweisen.
Wer dagegen nicht empfindet, dass sein Freund ihm Gutes getan hat, sondern nur denkt, vielleicht habe er ihm etwas Gutes getan, fühlt sich weder verpflichtet, ihm zu danken, noch ihn um etwas zu bitten. Es steht ihm vielmehr frei. Das heißt, der Körper empfindet keine Verpflichtung, den anderen um etwas zu bitten; er kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Wenn er hingegen spürt, was sein Freund ihm gibt, empfindet der Körper eine Verpflichtung gegenüber seinem Freund.
Jakob, der Vollkommene, wollte für alle Generationen, Zeiten und Zustände eine vollständige Korrektur bewirken. Darin liegt der Unterschied zwischen Tag und Abend: „Tag“ bezeichnet einen Zustand, in dem der Mensch sich wohlfühlt und Freude im Herzen empfindet. Ist es dagegen umgekehrt, sagt er: „Die Welt ist für mich finster geworden.“
„Jakob zog aus Beerscheba fort“ – aus dem Land Israel, einem Brunnen, aus dem man Wasser schöpft. Der Mensch fühlt sich dort satt, und ihm fehlt nichts. „Und er ging nach Haran“ bedeutet: an einen Ort ohne Sättigung, an dem Charon Af (glühender Zorn) herrscht. Dieser Zustand heißt „Abend“. Dann fühlt sich der Körper nicht verpflichtet, seinem Freund zu danken und ihn um etwas zu bitten. Im Gegenteil, er macht seinem Freund Vorwürfe.
„Und er traf auf den Ort“ bezeichnet eine Korrektur: Auch an einem Ort des Abendgebets, wo das Gebet freigestellt ist, das heißt eine Sache der Wahl, soll er sich überwinden und beten. Doch wenn es für ihn finster ist, empfindet der Körper keinerlei Verpflichtung.
Deshalb schuf Jakob, der Auserwählte unter den Urvätern, für die Allgemeinheit einen Zustand der Vollkommenheit, damit die Menschen das Abendgebet sprechen können, das dann freigestellt ist.
Der Mensch muss eine Wahl treffen, damit der Körper beten will; denn der Körper empfindet dann keinerlei Verpflichtung für sich, da es Abend ist und nicht Tag. Wenn der Körper dagegen den Zustand „Tag“ empfindet, fühlt er sich verpflichtet. Durch das freigestellte Gebet am Abend gelangt man zum Tag; dann wird es zu einem verpflichtenden Gebet.
Ähnlich ist der Tischsegen nach einer Mahlzeit verpflichtend, wenn sie zur Sättigung geführt hat, wie geschrieben steht: „Und du wirst essen und satt werden und segnen.“4 Das deutet auf das Gesagte hin: Wenn der Körper den Zustand „Beerscheba“ empfindet, also satt ist, fühlt er sich zum Gebet verpflichtet. Empfindet der Körper dagegen den Zustand „Abend“, ist das Gebet für ihn freigestellt, und der Mensch muss die Arbeit der Wahl leisten, um beten zu können.
Damit lässt sich die Meinungsverschiedenheit über die Aussage erklären: „Am Or des Vierzehnten (des Monats Nisan) sucht man das Gesäuerte.“5 Die Gemara fragt: „Was bedeutet Or?“
Rav Huna sagt, Or bedeute Helligkeit, Rav Yehuda sagt, Or bedeute Nacht. Wir müssen verstehen, wie darüber Uneinigkeit bestehen kann. Unter dem Gesichtspunkt des Kli (Gefäßes) muss man jedoch zuerst die Finsternis empfinden, um das Licht zu erlangen. Deshalb bezeichnet Or im Wesentlichen die Nacht. Spricht man hingegen von der Fülle und nicht vom Gefäß, wird die Fülle „Licht“, also „Tag“, genannt.
Das ist die Bedeutung des Verses: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, doch die Hände sind Esaus Hände.“6 Der Körper gilt als Esau, weil der Böse Trieb (Jezer haRa) sofort bei der Geburt des Menschen zu ihm kommt. Deshalb gilt er als Esau, der bereits vollständig ist und weiß, was gut und was böse ist.
Wenn der Gute Trieb zu ihm kommt und ihm sagt, dass es ein anderes Gut gibt als das, was er als gut kennt, will er nicht auf ihn hören. Der Gute Trieb sagt ihm: „Frevler heißen schon zu Lebzeiten Tote.“7 Doch er versteht nicht, was dieser ihm sagt, sondern denkt genau das Gegenteil.
Darüber heißt es: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, doch die Hände sind Esaus Hände.“573 Durch Jakobs Stimme, also durch das Abendgebet, können Esaus Gefäße eine Korrektur erhalten, und die Finsternis verwandelt sich in Tag, wie geschrieben steht: „Zur Abendzeit wird es Tag sein.“8
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Mishna Pesachim 1,1 und Babylonischer Talmud, Pesachim 2a (Beginn des Traktats). ↩
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Genesis 28,10. ↩
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Babylonischer Talmud, Berachot 26b. ↩
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Deuteronomium 8,10. ↩
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Mishna Pesachim 1,1; die folgende Erörterung steht im Babylonischen Talmud, Pesachim 2a. ↩
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Genesis 27,22. ↩
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Babylonischer Talmud, Berachot 18b. ↩
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Sacharja 14,7; der Wortlaut folgt der hier zitierten Vorlage. ↩