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377. Besser ein armes Kind

Rabbi Shimon sagte: „Komm und sieh, es steht geschrieben: ‚Ein armes und weises Kind ist besser‘1 … Dies ist der Gute Trieb (Jezer haTov). Doch ‚ein Kind ist besser‘ – darüber steht geschrieben: ‚Ich war ein Jüngling und bin auch alt geworden.‘2 Eine andere Erklärung: Es ist ein Jüngling, ein armes Kind, das nichts Eigenes besitzt. Und warum heißt es ‚Jüngling‘? Weil es die Erneuerung des Mondes besitzt, der sich ständig erneuert; deshalb ist es immer ein Kind … ‚und weise‘, weil die Weisheit in ihm ruht.“

„Als ein alter und törichter König“3 – das ist der Böse Trieb (Jezer haRa) … Seit dem Tag, an dem er entstand, ist er nicht aus seiner Unreinheit (Tuma) herausgekommen. „Kind“ heißt der Gute Trieb, weil er erst seit wenigen Jahren beim Menschen ist, nämlich vom dreizehnten Lebensjahr an.

Man kann fragen: Daraus folgt doch, dass bei einem zwanzigjährigen Menschen der Böse Trieb zwanzig Jahre alt ist und dennoch „alt“ genannt wird. Bei einem siebzigjährigen Menschen dagegen ist der Gute Trieb siebenundfünfzig Jahre alt und wird „Kind“ genannt.

Wir müssen jedoch verstehen, dass es natürliche Gesetze gibt, die den Mizwot gleichen, zu deren Einhaltung uns die Natur verpflichtet. Sie gliedern sich in Äußerlichkeit und Innerlichkeit. Wenn ein Mensch zum Beispiel Brot oder andere Speisen isst und Wasser oder andere Getränke trinkt, gilt das Brot als Äußerlichkeit. Diese Äußerlichkeit erfährt beim Menschen keinerlei Veränderung.

Für jeden erscheint sie in derselben Form. Man kann nicht behaupten, dass ein Stück Brot bei dem einen Menschen eine andere Gestalt annimmt als bei dem anderen; vielmehr sehen alle das Brot in derselben äußeren Form. Ebenso ist es mit anderen äußeren Dingen wie Wasser oder Wein: Alle sehen sie unverändert, und darin besteht kein Unterschied zwischen den Menschen.

Anders ist es mit der Innerlichkeit, die in die äußeren Dinge eingekleidet ist. Bekanntlich ist in jedem Ding der Genuss eines eigenen Geschmacks eingekleidet, den man in einem anderen nicht findet.

Der Geschmack des Brotes etwa findet sich nicht im Fleisch. Und selbst beim Fleisch gibt es mehrere Unterschiede: Rindfleisch schmeckt anders als Geflügel. Auch beim Geflügel sind verschiedene Geschmacksrichtungen zu unterscheiden, denn Hühnerfleisch schmeckt anders als Puten- oder Taubenfleisch und Ähnliches.

Das bedeutet: In die Äußerlichkeit ist ein innerer Geschmack eingekleidet. Der ganze Genuss des Menschen kommt nur aus der Innerlichkeit und nicht aus der Äußerlichkeit. Nur in der Innerlichkeit zeigt sich ein Unterschied zwischen den Menschen, denn jeder empfindet einen anderen Genuss und Geschmack als sein Mitmensch. Auch ein und derselbe Mensch empfindet den inneren Geschmack der Speisen und Getränke nicht immer gleich. Das hängt von seiner Gesundheit und seiner Gemütsverfassung ab.

Zugleich sehen wir jedoch: Wenn ein Mensch den inneren Geschmack und Genuss, der in diese Dinge eingekleidet ist, nicht empfinden kann, muss er dennoch die äußeren Dinge zu sich nehmen. Er kann nicht sagen: „Weil ich keinen Geschmack an den Speisen empfinde, esse ich eine Woche oder einen Monat lang nichts.“

So sehen wir es auch bei kleinen Kindern: Sie erfassen den Geschmack und Genuss, der in den Speisen eingekleidet ist, noch nicht. Dennoch müssen sie gegen ihren Willen, ohne Geschmack und Genuss, essen. Sonst können sie ihr Leben nicht fortsetzen und werden sterben.

Wenn dagegen ein Erwachsener isst, ohne Geschmack zu empfinden, führt er dies auf irgendeine Ursache zurück, etwa auf eine Krankheit, Niedergeschlagenheit oder Ähnliches. Von kleinen Kindern hingegen heißt es: Ihre Entwicklung ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie den Geschmack beim Essen und Trinken und Ähnlichem verstehen und empfinden können.

Ebenso verhält es sich mit den Mizwot: Die Tora gliedert sich in Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Auch hier hat die Äußerlichkeit der Mizwa bei allen dieselbe Form. In der Äußerlichkeit der Mizwa besteht kein Unterschied zwischen dem Gerechten der Generation und einem einfachen Menschen von der Straße.

Auch hier liegt der Unterschied zwischen den Menschen nur in der Innerlichkeit, die in die Mizwa eingekleidet ist. Denn jeder empfindet in derselben Mizwa einen anderen Geschmack.

Auch beim einzelnen Menschen selbst ist zwischen verschiedenen Geschmacksempfindungen zu unterscheiden. Denn er besitzt nicht immer dasselbe Verständnis und dieselbe Gemütsverfassung, die ihn befähigen, die Innerlichkeit der Mizwa zu empfinden.

Wenn wir daher die Äußerlichkeit der Mizwot berücksichtigen, befindet sich jeder Mensch im Zustand des „fortwährenden Hinzufügens“. Denn Tag für Tag erfüllt er mehr oder weniger Mizwot. So wächst ihre Zahl beständig, und er besitzt viele Mizwot, wie unsere Weisen sagten: „Die Leeren unter ihnen sind voll von Mizwot wie ein Granatapfel.“4

Anders ist es mit der Innerlichkeit der Mizwot, also mit dem Geschmack und Genuss, der in die Mizwot eingekleidet ist, und mit dem Ziel, zu dem die Mizwot gegeben wurden. Unsere Weisen sagten: „Ich erschuf den Bösen Trieb; Ich erschuf die Tora als Gewürz.“5 Die Tora und die Mizwot sollen den Menschen läutern und reinigen, damit er die Selbstliebe verlässt und zur Liebe zum Schöpfer gelangt. Ein Mensch kann siebzig Jahre alt werden und in der Äußerlichkeit viele Mizwot besitzen, während er die Innerlichkeit – die in die Mizwot eingekleidete Absicht – noch immer nicht erreicht hat und weiterhin in der Selbstliebe verharrt.

Der Weg für jemanden, der die Innerlichkeit erlangen will, besteht darin, sich jedes Mal zu sagen: „Was war, ist gewesen. Von nun an nehme ich auf mich, auf den Wegen des Schöpfers zu gehen, das heißt, das Verlangen zu geben zu erlangen.“

Daraus folgt, dass er immer ein Kind ist. Selbst wenn er siebzig Jahre alt ist, sagt er: „Bis jetzt war es nicht richtig; von nun an beginne ich.“ Somit befindet er sich immer im Zustand eines „Kindes“. Und selbst wenn der Mensch sich in Gadlut (Erwachsensein) befindet, gilt für ihn weiterhin der Zustand eines Kindes (wie in der Geschichte von Rabbi Saadia Gaon).

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Kohelet 4:13; Sohar, Parascha WaJeschew, Punkt 6. ↩

  2. Psalmen 37:25. ↩

  3. Kohelet 4:13; Sohar, Parascha WaJeschew, Punkte 7 und 3. ↩

  4. Talmud, Traktat Sanhedrin 37a. ↩

  5. Talmud, Traktat Kiddushin 30b. ↩