381. Denn der Ewige hört auf die Bedürftigen
Rabbi Chija sagte: „Ich staune über diesen Vers, in dem es heißt: ‚Denn der Ewige hört auf die Bedürftigen.‘ Hört Er etwa auf die Bedürftigen, aber nicht auf andere?“
Rabbi Shimon sagte: „Weil sie dem König näher sind, wie geschrieben steht: ‚Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten …‘“ Rabbi Shimon sagte weiter: „Komm und sieh: Alle Menschen der Welt erscheinen vor dem Schöpfer mit Körper und Seele. Der Arme dagegen erscheint nur mit der Seele, und der Schöpfer ist der Seele näher als dem Körper.“
Im Sulam-Kommentar wird dies so erklärt: „Ein Armer erscheint vor dem Schöpfer nur mit der Seele, denn sein Körper ist gebrochen, und der Schöpfer ist der Seele näher als dem Körper.“1
Um das Gesagte zu verstehen, müssen wir wissen, was ein „Armer“ ist. Bekanntlich entspricht es dem Lauf der Welt, dass der Mensch Handlungen ausführen kann, die ihm zwei Dinge bringen:
1) Verstand. Das heißt, dass er mit seinem Verstand die Arbeit begreift, die er verrichtet, also den Nutzen dieser Handlung erkennt. Wenn er dagegen etwas tun muss, obwohl sein Verstand das Gegenteil dessen verlangt, was ihm zu tun geboten wird, fällt ihm die Handlung schwer.
2) Genuss. Der Mensch kann Handlungen ausführen, die ihm Genuss bringen. Wenn er dagegen etwas tut und keinen Genuss daran hat, fällt ihm diese Handlung schwer.
Sind in seiner Handlung daher beide Bedingungen erfüllt, nämlich Verstand und Genuss, wird diese Handlung als Zustand des „Reichtums“ bezeichnet. Denn sie gibt ihm Verstand und Genuss, und in der Wirklichkeit gibt es nichts, wonach die Geschöpfe mehr verlangen.
Ist nur eine Bedingung erfüllt – die Handlung gibt ihm keinen Verstand, das heißt, sein Verstand verpflichtet ihn nicht dazu, doch er hat Genuss an ihr –, gilt sie immer noch als Handlung. Er überwindet den Verstand und führt sie aus, denn sie wird noch nicht als arm bezeichnet: Sie hat ihm etwas zu geben, nämlich Genuss.
Manchmal gibt ihm die Handlung keinen Genuss, aber zumindest Verstand, denn sein Verstand verpflichtet ihn zu dieser Handlung. Hier braucht er bereits eine größere Überwindung, um dem Verstand zu folgen und nicht auf Genuss angewiesen zu sein. Wenn die Handlung ihm jedoch weder Verstand noch Genuss zu geben hat, wenn sie also über dem Verstand und über dem Genuss liegt, heißt sie „arm und bedürftig“, denn sie kann ihm keinerlei Gegenleistung geben.
Nun hat der Mensch einen Körper und eine Seele. Der Körper heißt Gefäß (Kli) des Verlangens, Genuss und Verstand zu empfangen. Die Seele wird als die im Menschen vorhandene Kraft des Gebens bezeichnet. So hat der Mensch einen Körper und eine Seele.
Betet ein Mensch daher zum Schöpfer und erwartet, dass der Schöpfer ihm Fülle gibt, hat er in seinem gegenwärtigen Zustand aber noch einen gesunden Körper – das heißt, der Körper kann in seiner Arbeit noch Verstand und Genuss oder zumindest eines von beidem finden –, wird er noch nicht als arm und bedürftig bezeichnet. Denn der Körper erhält eine Gegenleistung für seine Arbeit.
Will der Mensch jedoch auf dem Weg der Wahrheit gehen, also über dem Verstand und auch mit der Absicht zu geben, hat der Körper nichts zu empfangen; dann wird der Körper als gebrochen bezeichnet. Worum betet er dann? Darum, dass der Schöpfer ihm hilft, mit der Seele zu gehen, also mit dem Verlangen zu geben. Der Körper hindert ihn daran, weil er sieht, dass ihm der Weg der Wahrheit, den der Mensch gehen will, keinerlei Gegenleistung bringt.
Der Schöpfer, der Gebende, ist der Seele nahe. Das heißt, zwischen Ihm und der Seele besteht Angleichung der Form, denn die Seele will auf dem Weg des Gebens gehen. Darauf richtet sich das ganze Gebet des Menschen; deshalb hört der Schöpfer sein Gebet.
Dies ist die Bedeutung von „Denn der Ewige hört auf die Bedürftigen“. Ist der Mensch dagegen reich oder gibt ihm die Handlung Genuss und Verstand oder zumindest eines von beidem, richtet sich sein ganzes Gebet nur auf den Körper, also auf das Verlangen zu empfangen. Deshalb steht nicht geschrieben: „Denn Er hört auf die Reichen“, sondern nur, dass Er auf die Bedürftigen hört. Denn nur ihnen ist Er nahe; „Nähe“ bedeutet Angleichung der Form.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Sohar, BeShalach, Blatt 103, Punkt 367. ↩