376. Und Jakob fürchtete sich sehr
Die Kommentatoren fragen zu dem Vers: „Und Jakob fürchtete sich sehr, und ihm wurde angst.“ Der Schöpfer hatte ihm doch in der Vision der Leiter, die Er ihm zeigte, versprochen, ihn überall zu behüten, wohin er auch gehen würde, wie geschrieben steht: „Siehe, Ich bin mit dir und werde dich behüten, wohin du auch gehst, und Ich werde mit dir sein.“ Warum musste er dann beten: „Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaus“?
Der heilige Sohar erklärt die Worte der Engel an Jakob: „Auch er kommt dir entgegen, und vierhundert Mann sind bei ihm.“ Er fragt: „Warum sagten sie ihm all das?“ Und er antwortet: „Weil der Schöpfer immer die Gebete der Gerechten begehrt und Sich mit ihren Gebeten krönt.“ Das heißt, der Schöpfer verlangt nach den Gebeten der Gerechten.1
Mein Vater und Lehrer erklärte, warum der Schöpfer den Geschöpfen nicht ohne Gebet alles Gute gibt, sondern möchte, dass sie Ihn bitten; dann gibt Er es ihnen. Unsere Weisen sagten: „Mehr als das Kalb saugen will, will die Kuh säugen.“2
Es gilt jedoch die Regel: Es gibt kein Licht ohne ein Kli (Gefäß). Als Kli gilt ein Verlangen. Denn im Spirituellen gibt es keinen Zwang: Man kann den Geschmack eines Genusses nicht empfinden, wenn man kein Verlangen danach hat. Denn das Genussempfinden hängt vor allem davon ab, wie groß das Verlangen und die Sehnsucht nach der Sache sind. Daher gibt der Schöpfer erst, wenn die Geschöpfe ein Verlangen und eine Sehnsucht haben.
Das Verlangen des Menschen bildet sich gerade durch das Gebet. Denn wenn der Mensch einen Mangel empfindet, beginnt er zu beten. Dadurch wächst und vermehrt sich sein Gebet, bis es das Maß erreicht, das den Menschen befähigt, die höhere Fülle zu empfangen. Deshalb verlangt der Schöpfer nach den Gebeten der Gerechten, denn nur so können sie Seine Fülle empfangen.
Bekanntlich unterscheiden wir in Seiner Fülle immer zwei Aspekte: Or Makif (umgebendes Licht) und Or Pnimi (inneres Licht). Or Makif bezeichnet das, was der Mensch künftig empfangen wird; gegenwärtig ist er noch nicht bereit, die Fülle zu empfangen. Or Pnimi bezeichnet das, was der Mensch in der Gegenwart empfängt – die Fülle gelangt also in sein Inneres.
Und gemäß dem oben Gesagten – dass allem, was man empfängt, ein Gebet vorausgehen muss, damit ein Kli für den Empfang der Fülle vorhanden ist – ergibt sich: Selbst nachdem der Schöpfer es ihm in der Vision der Leiter versprochen hatte, wird dies Or Makif genannt.
Als Jakob aber Esau begegnete und in der Gegenwart Rettung brauchte, musste er beten und sein Verlangen offenbaren. Dieses Verlangen gilt als Kli für die Rettung, denn ohne Kli kann man Or Pnimi nicht empfangen. Denn die Verheißung gilt als Or Makif. Wenn sie jedoch verwirklicht werden soll, ist ein Gebet nötig. Denn Or Makif ist Itaruta deLeila (Erwachen von oben), während Or Pnimi durch Itaruta deLetata (Erwachen von unten) entsteht.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026