379. Wunder und freie Wahl
Rabbi Jizchak sagte: „Wenn Schlangen und Skorpione in der Grube waren, warum steht dann über Ruben geschrieben: ‚Um ihn [Josef] aus ihrer Hand zu retten und ihn zu seinem Vater zurückzubringen‘? Fürchtete Ruben denn nicht, dass die Schlangen und Skorpione ihm Schaden zufügen könnten? … Vielmehr sah Ruben, dass ihm in den Händen seiner Brüder Gefahr drohte, denn er wusste, wie sehr sie ihn hassten …“
„Denn an einem Ort mit Schlangen und Skorpionen wird der Schöpfer einem Menschen, wenn er ein Gerechter ist, ein Wunder geschehen lassen. Manchmal steht einem Menschen auch das Verdienst seiner Vorväter bei, sodass er vor den Schlangen und Skorpionen gerettet wird. Wird er jedoch seinen Feinden ausgeliefert, können nur wenige gerettet werden.“1
Wir müssen verstehen, warum der Schöpfer kein Wunder für ihn geschehen lässt, wenn er „seinen Feinden ausgeliefert“ ist.
Bei der Rettung finden wir zwei Fälle:
1) einen Ort, an dem Gefahr wahrscheinlich ist;
2) einen Ort, an dem Gefahr nicht wahrscheinlich ist. Es gibt nämlich Tiere, die nur dann Schaden zufügen, wenn sie Appetit haben, und keinen Schaden anrichten, wenn sie nicht hungrig sind.
Andere Tiere fügen von Natur aus Schaden zu. Das heißt, es liegt in ihrer Natur, Menschen Schaden zufügen zu wollen, und sie sind es gewohnt, ständig Beute zu reißen. Ebenso finden wir, dass es eine Feindseligkeit gegenüber der gesamten Menschheit gibt; manchmal richtet sich die Feindseligkeit aber nur gegen einen bestimmten Menschen und nicht gegen alle. Das Tier spürt dann, dass dieser Mensch ihm schaden will, und beabsichtigt deshalb, ihm Schaden zuzufügen.
Hier jedoch finden wir, dass die gefährlichen Tiere – Schlangen und Skorpione – keine besondere Feindseligkeit gegenüber diesem einen Menschen haben, sondern gegenüber der gesamten Menschheit. Deshalb gilt die Gefahr dort als nicht ganz so wahrscheinlich, und man darf sich auf ein Wunder verlassen. Anders ist es „in den Händen seiner Brüder“: Sie hegen eine besondere Feindseligkeit gegen diesen Menschen. Dort ist die Gefahr wahrscheinlich, und dann ist es verboten, sich auf ein Wunder zu verlassen.
Außerdem kann man sagen, dass zwischen Tieren und Menschen ein Unterschied besteht, denn der Mensch besitzt die freie Wahl. Wenn Tiere Schaden anrichten, handeln sie ihrer Natur entsprechend: Der Schöpfer hat ihnen eine Natur gegeben, die sie danach verlangen lässt. Folglich geht alles, was sie tun, vom Schöpfer aus, und sie haben keine Kraft, dies zu überwinden, das heißt, keinen Schaden anzurichten.
Wo der Schöpfer daher ein Wunder geschehen lassen will, geht auch dies vom Schöpfer aus. Deshalb darf man sich auf ein Wunder verlassen.
Beim Menschen ist es anders, denn ihm wurde die Kraft der freien Wahl gegeben – sowohl zum Bösen als auch zum Guten. Daraus folgt: Würde der Schöpfer für diesen Menschen ein Wunder geschehen lassen und ihn retten, sodass der andere ihm keinen Schaden zufügt, so nähme der Schöpfer dem anderen damit die Kraft der freien Wahl. Wo ein Wunder also der freien Wahl widersprechen würde, darf man sich nicht darauf verlassen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Sohar, WaJeschew, Blatt 185a. ↩