373. Und er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte
WaJishlach 5742 [Dezember 1981]
„Und er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte.“1 Was tat er? Sofort „berührte er das Gelenk seiner Hüfte“, denn er ging listig gegen ihn vor. Er sagte: Da die Stützen der Tora zerbrochen sind, hat die Tora sofort keinen Bestand mehr; dann wird sich erfüllen, was ihr Vater sagte: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, die Hände aber sind Esaus Hände.“2 Und er erkannte ihn nicht.
„Stützen der Tora“ nennt man nämlich jene, die die Tora unterstützen und es dem Tora-Gelehrten ermöglichen, zu lernen, denn ohne Lebensunterhalt kann man nicht lernen: „Gibt es kein Mehl, gibt es keine Tora.“3 „Lebensunterhalt“ ist das, wovon der Körper lebt und Genuss hat. Der Körper muss versorgt werden, denn durch den Lebensunterhalt besteht er fort. Je mehr Genuss ein Mensch hat, desto mehr will er den Fortbestand des Körpers.
Es gibt Menschen, deren Lebensunterhalt aus Geld besteht. Das heißt: Wenn man ihnen Geld gibt, erwächst daraus all ihr Genuss. Sie verzichten also auf Begierde und Ehre und wollen nur Geld. Je mehr Geld sie besitzen, desto mehr können sie arbeiten und das Leben genießen.
„So gib Deinem Volk Ehre.“ Kann man den Schöpfer denn bitten, dass Er Ehre gibt? Unsere Weisen sagten doch: „Sei sehr, sehr demütigen Geistes.“4
Die Sache ist folgende: Bekanntlich ist der Mensch eine kleine Welt, die siebzig Völker umfasst. Das bedeutet: Jedes Volk hat seine eigene Begierde. Diese Begierden entsprechen den sieben Eigenschaften, von denen jede aus zehn Sefirot besteht – zusammen siebzig. Der Mensch umfasst also die siebzig Verlangen der siebzig Völker und begehrt, was auch sie begehren: Geld, Ehre und Ähnliches.
Diese Begierden gelten dem Menschen als ehrenwert. Das geht so weit, dass die Lehrer der Sittenlehre sagten, man muss diese Begierden verabscheuen. Anders verhält es sich mit dem Aspekt „Dein Volk“: Das, wonach sich das Volk Israel sehnen muss – seinem Schöpfer Wohlgefallen (Nachat Ruach) zu bereiten –, gilt nicht als ehrenwert, sondern gerade umgekehrt.
Wenn ein Mensch nämlich etwas tut, ohne zu sehen, dass ihm daraus irgendein Gut zu seinem eigenen Nutzen erwächst, sondern es allein tun muss, um zu geben, fühlt er sich in einem Zustand der Niedrigkeit. Er erhält keinerlei Lebenskraft aus dieser Arbeit, weil er keinen Nutzen für sich erkennt.
Daher beten wir zum Schöpfer: „So gib Deinem Volk Ehre“ – damit der Zustand des Gebens bei uns in Ehren steht und nicht verachtet wird. Dies nennt man „die Ehre der Shechina (göttlichen Gegenwart)“: die Shechina aus dem Staub zu erheben. Das bedeutet: Wenn wir Handlungen für den Schöpfer ausführen müssen, um zu geben, schmeckt diese Arbeit wie Staub. Deshalb beten wir darum, dass das Volk Israel in Ehren steht und die siebzig Völker nur Diener sind, die dem Volk Israel dienen.
Die Beschäftigung des Menschen mit materiellen Bedürfnissen, die die Verlangen der siebzig Völker sind, soll also ausschließlich im Dienst des Aspekts Israel im Menschen stehen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026