266. Wer nach dem Wein besonnen bleibt
Rabbi Chija sagte: „Wer nach dem Wein besonnen bleibt, besitzt den Verstand von siebzig Ältesten. ‚Wein‘ hat den Zahlenwert siebzig, und ‚Geheimnis‘ hat den Zahlenwert siebzig: Kommt der Wein hinein, kommt das Geheimnis heraus.“1 Rashi erklärt: „Wer nach dem Wein besonnen bleibt“ ist jemand, der Wein trinkt, ohne dass sein Verstand verwirrt wird. „Das Geheimnis kam heraus“ – bei diesem Menschen aber kam sein Geheimnis nicht heraus; deshalb ist er einem Sanhedrin von siebzig Ältesten gleichwertig.
Dazu muss man fragen:
1) Demnach braucht sich jemand, der dem Sanhedrin gleichwertig sein will, nicht besonders in der Tora und der Arbeit anzustrengen. Er hat einen einfachen Rat: Er soll Wein trinken und darauf achten, dass sein Verstand nicht verwirrt wird; das genügt.
2) Was für eine Antwort ist es, dass sein Geheimnis nicht herauskam? Besitzt ein Mensch schon deshalb, weil er sein Geheimnis nicht preisgibt, dieselbe Vollkommenheit wie der Sanhedrin? Und was wäre daran, wenn er sein Geheimnis preisgäbe? Begeht jemand, der sein Geheimnis preisgibt, damit eine so schwere Übertretung, dass man sagen müsste, er verliert dadurch seinen Wert und gilt nicht mehr als den siebzig Ältesten des Sanhedrin gleichwertig? Und wenn er sich davor hütet, es preiszugeben, hat er dann bereits denselben Wert wie die siebzig Ältesten des Sanhedrin?
Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu verstehen. Der Weg der Tora besteht darin, dass der Mensch ohne jedes Wissen und jede Erlangung an den Schöpfer glaubt, allein oberhalb von Erlangung und Verstand. Wenn er dann Tora und Mizwot ausübt, gilt er als Jude. Wer dagegen nur auf der Ebene von Wissen und Erlangung für den Schöpfer arbeiten will, gilt bereits als Götzendiener, wie im Sulam (Leiter-Kommentar) an mehreren Stellen erklärt wird.
Selbst wenn er später Erlangung und Verstand erlangt, darf er dies nicht als Stütze für die Arbeit nehmen. Er darf also nicht sagen, er freue sich nun darüber, dass er Erlangung besitzt und vom Joch des Glaubens befreit ist. Denn seine Arbeit bestand darin, über dem Verstand zu gehen, was eine große Anstrengung ist.
Nun aber ist er zufrieden, weil er sich nicht mehr um den Glauben bemühen muss und davon befreit ist, dieses Joch auf sich zu nehmen, das „wie ein Ochse unter dem Joch und wie ein Esel unter der Last“ genannt wird.
Vielmehr muss er verstehen: Wenn er, nachdem er die Erlangung erreicht hat, nun Freude empfindet, dann deshalb, weil er erkennt, dass der frühere Weg, den er im Glauben gegangen ist – der Auffassung der Tora entsprechend –, der wahre Weg ist. Der Beweis dafür liegt darin, dass er nun die Annäherung an den Schöpfer erlangt hat und der Schöpfer ihm die Erlangung gab.
Daher erhält er jetzt aus der Erlangung die Kraft, weiter auf den Wegen des Glaubens zu gehen. Demnach ist die Erlangung eine Stütze für den Glauben, sodass er weiterhin auf den Wegen des Glaubens geht.
Anders ist es, wenn er umgekehrt den Glauben als Stütze für die Erlangung nimmt, wenn also der Glaube zum Mittel wird, um zur Erlangung zu gelangen. Sobald er das Ziel erreicht hat, wirft er das Mittel weg. Deshalb stößt er den Glauben von sich und wählt für sich einen Weg, auf dem er nur dort geht, wo er Erlangung besitzt. Dies ist keine jüdische Auffassung.
Wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte, gibt es die Hirten der Herde Abrahams und die Hirten der Herde Lots. Die Hirten der Herde Abrahams werden „Abrahams Besitztümer“ genannt. Dies ist der Glaube, denn Abraham wird der Vater des Glaubens genannt.
„Hirten“ bedeutet Nahrung. Gemeint sind Erlangung und Verstand, die er empfängt, um den Glauben zu stärken. Die Erlangung ist der Beweis dafür, dass man auf den oben beschriebenen Wegen gehen muss; diesen Beweis gewinnt er aus ihr. Wenn man auf dem Weg des Glaubens geht, bringt der Schöpfer den Menschen näher und gibt ihm das Licht der Tora.
Anders verhält es sich mit den Hirten der Herde Lots. Lot steht für Fluch, abgeleitet von Latja, dem aramäischen Wort für „Fluch“. Wer Erlangung empfängt, damit er nun innerhalb des Verstandes für den Schöpfer arbeiten kann, zieht daraus einen Fluch auf sich: Das Licht der Tora weicht von ihm, und er bleibt nackt und mittellos zurück.
Der Grund dafür, dass man auf den Wegen des Glaubens gehen muss, liegt darin, dass es sowohl im Mocha (Verstand) als auch im Herzen ein Empfangen gibt. Das Empfangen im Mocha wird Wissen genannt. So weit die Zusammenfassung seiner Worte.
Mit all dem lässt sich nun die Aussage Rabbi Chijas erklären: „Wer nach dem Wein besonnen bleibt.“ „Wein“ bezeichnet den Wein der Tora, wie im heiligen Sohar geschrieben steht, also das Licht der Tora. Dies wird „Ihm werden die Geheimnisse der Tora offenbart“ genannt und ist Erlangung und Verstand.
„Wer nach dem Wein besonnen bleibt“ bedeutet: Wenn er das Licht der Tora empfängt, wird sein Verstand nicht verwirrt – jener Verstand, den er besaß, bevor er den Wein der Tora empfing. „Er wird nicht verwirrt“ heißt, dass dieser Verstand nicht aus ihm verschwindet. Im Gegenteil: Der Verstand, den er zuvor besaß, festigt sich in ihm.
Dadurch, dass er den Wein der Tora erlangt hat, festigt sich in ihm der Verstand, dass man auf den Wegen des Glaubens gehen muss. Daraus gewann er den Beweis, dass der Weg des Glaubens der wahre Weg ist. Der Beleg dafür ist, dass der Schöpfer ihn nähergebracht und ihm das Licht der Tora gegeben hat. Durch das Licht der Tora festigt sich also der Verstand, den er dort besaß, bevor er den Wein erlangte.
Dies ist die Bedeutung von „Kommt der Wein hinein, kommt das Geheimnis heraus“. „Geheimnis“ bezeichnet den Glauben, denn etwas, worin es keine Erlangung und keinen Verstand gibt, gilt als Geheimnis. Wenn daher der Wein – die Erlangung – hineinkommt, kommt das Geheimnis heraus, denn die Tora ist Offenbarung und damit das Gegenteil des Geheimnisses.
Wer also das Licht der Tora erlangt hat und das Geheimnis nicht herauslässt – das heißt, der Glaube, den er zuvor besaß, verlässt ihn nicht, sondern er geht weiter auf dem Weg des Geheimnisses –, ist den siebzig Ältesten des Sanhedrin gleichwertig. Indem sich der Glaube in ihm stärkt, gleicht er dem Sanhedrin.
Obwohl sie als „Augen der Gemeinde“ galten und bereits die Weisheit der Tora erlangt hatten, hielten sie am Glauben fest. Daher gleicht ein Mensch den siebzig Ältesten des Sanhedrin, wenn er den Wein der Tora erlangt hat, das Geheimnis aber nicht herauslässt und bei seiner Auffassung bleibt, weiter auf den Wegen des Geheimnisses zu gehen, obwohl er nun Offenbarung und Erlangung besitzt.
Dies ist die Bedeutung von „‚Wein‘ hat den Zahlenwert siebzig, und ‚Geheimnis‘ hat den Zahlenwert siebzig: Kommt der Wein hinein, kommt das Geheimnis heraus“. Denn in allem gibt es Vorderseite und Rückseite, also Licht und Kli (Gefäß). Im Kli muss die gesamte Beschaffenheit des Lichts angedeutet sein, denn das Kli ist das Mittel, das fähig sein soll, das Licht in sich hineinzuziehen.
Deshalb heißt es „siebzig“, entsprechend den „siebzig Gesichtern der Tora“. Wenn er im Geheimnis, also im Glauben, arbeitet, muss er sich vorstellen und ausmalen, dass er dem Schöpfer mit derselben Kraft dienen wird, als hätte er bereits den Wein der Tora erlangt, der „siebzig Gesichter der Tora“ genannt wird. Das Wort Ajin, „Auge“, weist auf Wissen und auf das Sehen des Verstandes hin, das „Augen der Gemeinde“ genannt wird; damit sind die Weisen der Gemeinde gemeint.
Wenn er an dieser Haltung festhält, selbst wenn er die Möglichkeit hat, Sehen und Erlangung zu empfangen, ist er dem Sanhedrin gleichwertig.
Dies gleicht jemandem, der daran glaubt, dass der Schöpfer Gebete hört. Obwohl er jeden Tag betet und nicht sieht, dass der Schöpfer sein Gebet (Tefilla) hört, glaubt er dennoch, dass der Schöpfer Gebete hört. Wer dagegen bereits erlangt hat, dass der Schöpfer jede seiner Bitten erfüllt, muss nicht mehr daran glauben, dass der Schöpfer Gebete hört, denn er sieht mit eigenen Augen, dass der Schöpfer ihm gibt, was er will.
Der Ort, an dem man glauben muss, wird daher „Geheimnis“ genannt, und der Ort der Offenbarung heißt „Wein der Tora“. Der Mensch muss sich im Glauben auch dort stärken, wo er die Offenbarung empfangen kann, dass der Schöpfer Gebete hört.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Eruwin 65a. ↩