261. Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung deines Vaters – 1
„Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung deines Vaters, und verlass nicht die Lehre deiner Mutter.“1
Mit „Unterweisung“ ist hier Mussar [ethisch-erzieherische Unterweisung] gemeint. Das hebräische Wort ist mit der Wendung „Wie ein Mann seinen Sohn züchtigt“2 verwandt und bezeichnet damit Leiden. Es gibt mögliche Leiden und tatsächliche Leiden. Man gibt dem Menschen zu verstehen, dass er etwas Bestimmtes nicht tun darf; hört er nicht und übertritt die Anordnung, wird er bestraft. Zum Beispiel erhält er für die Übertretung Schläge.
Wenn der Mensch jedoch nicht weiß, worin die Strafe besteht, das heißt, wenn er den Geschmack des Leidens nicht empfindet, bevor er es tatsächlich erfährt, übertritt er die Anordnung und wird bestraft. Die Strafe soll ihn lehren, sich künftig davor zu hüten, das Gesetz zu übertreten, denn das Gesetz wurde zum Wohl des Menschen gegeben, sowohl des Einzelnen als auch der Allgemeinheit. Der Mensch kann das Gesetz nicht einhalten, weil es ihm Genuss bereitet, es zu übertreten.
Zum Beispiel gibt es ein Gesetz, das Diebstahl verbietet. Er aber liebt Geld und hat die Möglichkeit, Geld zu stehlen. Weil ihm das Geld Genuss bereitet, kann er das Maß des Leidens durch die Strafe nicht einschätzen, obwohl er weiß, dass er für die Übertretung leiden wird. Deshalb schätzt er den Genuss am Geld unermesslich viel größer ein als das Leiden, das er als Strafe erhalten wird.
Wenn man ihn daher bestraft, indem man ihn für eine gewisse Zeit ins Gefängnis setzt, erkennt er, dass das Leiden größer ist als der Genuss, den er durch den Diebstahl erhalten hat. Deshalb beschließt er, das Gesetz künftig einzuhalten.
Nachdem er jedoch seine Strafe erhalten und im Gefängnis gesessen hat, sagt man ihm: „Du musst wissen: Wenn du noch einmal stiehlst, erhältst du eine längere Gefängnisstrafe als beim ersten Mal.“ Denn er vergisst das Ausmaß des Leidens, das er erfahren hat. Bietet sich ihm daher ein zweites Mal die Gelegenheit zu stehlen, wird er sich beim Abwägen von Genuss und Leiden gewiss irren.
Wenn man ihm deshalb sagt, dass er größeres Leiden erfahren wird, kann er vielleicht einschätzen, dass es sich nicht lohnt zu stehlen, weil das Leiden größer ist als der Genuss.
Wenn man daher ethisch-erzieherische Unterweisung studiert, erkennt man die Bedeutung von Tora und Mizwot: zu welchem Maß an Genuss der Mensch gelangen kann und ebenso welche Strafe er erhalten kann.
Das heißt: Die Lehrer ethisch-erzieherischer Unterweisung lassen den Menschen den Geschmack des Lohns für die Einhaltung des Gesetzes empfinden – also den Nutzen, den ihm die Einhaltung bringt – ebenso wie die Strafen, die ihn bei einem Gesetzesverstoß erwarten.
In dem Maß, in dem der Mensch dies empfindet, kann er das Gesetz einhalten, denn diese Lehrer ermöglichen ihm, das wahre Maß von Genuss und Leiden einzuschätzen. Wie unsere Weisen sagten: „Berechne den Verlust durch eine Mizwa gegenüber ihrem Lohn und den Lohn einer Übertretung gegenüber ihrem Verlust.“3 Dann hat der Mensch die Fähigkeit, auf den Wegen des Schöpfers immer weiter voranzugehen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026