255. Die Worte eines Toten
„In Gegenwart eines Toten sagt man nur die Worte des Toten.“1 Erklärung: Wenn der Tote vor ihnen liegt, spricht man nur über Dinge, die mit seinen Angelegenheiten zusammenhängen. Rashi erklärt: Da alle verpflichtet sind, über Worte der Tora zu sprechen, während der Tote schweigt, gilt: „Wer den Armen verspottet, schmäht seinen Schöpfer.“2 Rabbi Abba bar Kahana sagte: „Das gilt nur für Worte der Tora; bei weltlichen Dingen haben wir nichts dagegen.“ Manche sagen: Rabbi Abba bar Kahana sagte: „Das gilt sogar für Worte der Tora und umso mehr für weltliche Dinge.“
Das ist schwer zu verstehen: Warum sollte es verboten sein, über weltliche Dinge zu sprechen? Schließlich besteht keine Verpflichtung, darüber zu sprechen.
Im Sinne der ethischen Lehre wird ein Mensch während eines Abstiegs als „tot“ bezeichnet. Dann gilt für ihn: „Die Bösen werden schon zu Lebzeiten Tote genannt.“ Wenn man ihm Worte der Tora von anderen sagt, damit er erwacht und zur Arbeit zurückkehrt, hilft ihm das nicht. Das heißt „den Armen verspotten“, denn was andere an Tora sagen, bewegt ihn nicht.
Sagt man ihm jedoch die Worte des Toten, also das, was er selbst während eines Aufstiegs sagte – in der Zeit, als er als lebendig galt –, und sagt zu ihm: „Sieh, in welch hohem Zustand du warst, welche Lebenskraft (Chajut) der Heiligkeit (Kedusha) du hattest und welche Worte der Tora du damals gesagt hast“, kann er dadurch wieder zum Leben erwachen. Sagt man ihm dagegen Worte der Tora, die andere gesagt haben, bewegt ihn das nicht.
„Bei weltlichen Dingen haben wir nichts dagegen.“ Welt bezeichnet den Aspekt des Glaubens. Über Angelegenheiten des Glaubens kann man mit ihm auch anhand anderer Menschen sprechen: Man ermutigt ihn und sagt zu ihm: „Sieh, dieser und jener haben Ehrfurcht vor dem Himmel, während du nun wie ein schweigender Toter dastehst.“ Vielleicht bewegt ihn das Gehörte, und er erwacht wieder zum Leben, wenn er von anderen über Angelegenheiten des Glaubens hört. Wenn dem so ist, darf man auch bei weltlichen Dingen nur über seine eigenen Worte sprechen.
Nach Rashis Erklärung bleibt dies jedoch schwer verständlich. Er sagt, alle seien verpflichtet, Worte der Tora zu sprechen, während der Tote schweigt; deshalb heißt es, man „verspottet den Armen“. Über weltliche Dinge muss dagegen nicht jeder sprechen. Warum sollte auch dies „den Armen verspotten“ heißen?
Der Grund für das Verbot, über weltliche Dinge zu sprechen, ist jedoch, dass damit der Aspekt des Glaubens gemeint ist. Denn Glaube wird als Welt (Alma) bezeichnet – so steht es an mehreren Stellen im heiligen Sohar –, weil Alma sprachlich mit Verborgenheit (He’elem) und Verhüllung (Hester) zusammenhängt; dies ist der Aspekt des Glaubens. Nach der zuvor genannten Ansicht „Manche sagen“ wird er daher auch bei Angelegenheiten des Glaubens nicht zuhören und sich von dem, was andere sagen, nicht bewegen lassen.
Vielmehr können ihn nur die Worte des Toten bewegen, also das, womit er sich selbst zu Lebzeiten in Angelegenheiten des Glaubens befasst hat. Dann können die Reshimot (Aufzeichnungen) in ihm erwachen und bewirken, dass er wieder zum Leben erwacht. Was andere sagen, wirkt dagegen selbst bei Angelegenheiten des Glaubens nicht auf ihn.
Wenn man also mit ihm über weltliche Dinge spricht, mit denen andere sich befassen, wird er nicht zuhören. Dann verspottet man den Armen, denn alle Worte sind vergeblich. Deshalb können nur seine eigenen Reshimot ihn erwecken. Das heißt „die Worte des Toten selbst“ – aus der Zeit, als er lebte und sich in einem Zustand des Aufstiegs befand.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026