251. Zum Thema Minyan [Zehn in der Synagoge]
Rabbi Yochanan sagte: „Wenn der Schöpfer in das Bethaus kommt und dort keine zehn Menschen findet, wird Er sofort zornig, wie es heißt: ‚Warum bin Ich gekommen, und niemand war da? Ich rief, und niemand antwortete‘.“1
Dazu ist zu fragen:
1) Was soll man tun? Soll man draußen warten, bis sich zehn Menschen versammelt haben, und erst danach in das Bethaus eintreten?
2) Welchen Beleg gibt es in diesem Vers dafür, dass zehn Menschen nötig sind?
Außerdem müssen wir verstehen, was unsere Weisen sagten: Rabbi Yehoshua ben Levi sagte: „Wer auf einem Weg geht und keine Begleitung hat, soll sich mit der Tora beschäftigen, wie es heißt: ‚Denn sie sind ein Kranz der Anmut (Chen) für dein Haupt‘.“2 Wir müssen verstehen, weshalb man Begleitung braucht, wenn man sich auf den Weg macht, und weshalb einem, wenn er keine Begleitung hat, die Beschäftigung mit der Tora ebenso hilft wie eine Begleitung.
Bekanntlich wurde der Mensch mit dem Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) erschaffen. Dieses trennt ihn von der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer, denn gerade durch die Angleichung der Form, die als Verlangen zu geben (Razon lehashpia) bezeichnet wird, wird man der Anhaftung an Ihn würdig.
Begleitung bedeutet Anhaftung. So heißt es: „Wer auf einem Weg geht“ – gemeint ist, wer auf dem Weg des Schöpfers geht, aber noch nicht der Anhaftung an Ihn würdig geworden ist. Er soll sich mit der Tora beschäftigen, denn durch ihre besondere Kraft wird er der Anhaftung an den Schöpfer würdig. So sagten unsere Weisen: „Der Mensch soll sich immer mit der Tora in lo liShma beschäftigen, denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“3
Was das Gebet (Tefilla) betrifft, so muss man bekanntlich vor allem wegen des Exils der Shechina (göttlichen Gegenwart) beten. Sie wird Malchut genannt und ist die zehnte Sefira der zehn Sefirot. Ihr Wesen (Ezem) ist der Glaube an Seine Lenkung, daran, dass Er die Welt als „gut und Gutes tuend“ lenkt.
Der Mensch kann das Gute des Schöpfers nicht sehen, bevor er sein Verlangen davon geläutert hat, für sich selbst zu empfangen. Denn auf dem Verlangen zu empfangen liegt die Einschränkung (Zimzum), die Seine Lenkung verhüllt.
Das ist die Bedeutung dessen, was unsere Weisen sagten: „Ihr werdet Mensch genannt, nicht aber die Völker der Welt“, denn ihre ganze Absicht besteht nur darin, für sich selbst zu empfangen.
Das erklärt die Aussage: „Wenn der Schöpfer in das Bethaus kommt und dort keine zehn findet.“ Dort soll nämlich jemand sein, der für die Eigenschaft „zehn“ betet – für die heilige Shechina, damit sie aus ihrem Exil aufsteigt. Indem man sich mit dem Verlangen zu geben beschäftigt, erhebt man die Shechina aus dem Staub. Wenn jedoch jeder für seine persönlichen Bedürfnisse sorgt, wird der Schöpfer zornig.
Als Beleg führt Rabbi Yochanan den Vers an: „Warum bin Ich gekommen, und niemand war da?“ Niemand sorgt für die Bedürfnisse, die zur Eigenschaft „Mensch“ gehören, sondern jeder sorgt nur dafür, die Bedürfnisse zu erfüllen, die zum Tier gehören. Der Mensch muss sich deshalb immer Rechenschaft darüber ablegen, für wen er seine Zeit verbringt und für wen er sich abmüht, denn er soll sich nur um das Bedürfnis der Allgemeinheit sorgen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026