265. Innere Schlüssel und äußere Schlüssel
Rabba bar Rav Huna sagte: „Jeder Mensch, in dem Tora ist, aber keine Ehrfurcht vor dem Himmel, gleicht einem Schatzmeister, dem man die inneren Schlüssel übergeben hat, nicht aber die äußeren Schlüssel. Kann er damit hineingehen?“ Rabbi Jannai verkündete: „Wehe dem, der kein Haus hat und dennoch ein Tor für das Haus baut.“1
Die Frage ist bekannt: Aus diesem Gleichnis geht hervor, dass die Tora das Innere ist. Aus den Worten Rabbi Jannais geht dagegen hervor, dass die Tora das Äußere und die Ehrfurcht vor dem Himmel das Innere ist. Außerdem muss man fragen: Wie kann er die Ehrfurcht mit den äußeren Schlüsseln vergleichen? Schließlich heißt es: „Die Ehrfurcht vor dem Ewigen ist Sein Schatz.“ Daraus geht hervor, dass die Ehrfurcht das Innere ist.
Man muss sagen: Es gibt eine Tora, die das Innere genannt wird, und eine Tora, die das Äußere genannt wird; die Ehrfurcht vor dem Himmel liegt dazwischen.
Demnach wird die Tora im Äußeren „Tor“ genannt, während die Ehrfurcht vor dem Himmel das Innere heißt. Das bedeutet: Durch die Tora gelangt man zur Ehrfurcht vor dem Himmel.
Im Verhältnis zur inneren Tora wird die Ehrfurcht vor dem Himmel jedoch „äußere Ehrfurcht vor dem Himmel“ genannt, denn durch sie gelangt man zum Inneren der Tora. Deshalb wird die Ehrfurcht vor dem Himmel „Schatz“ genannt, denn das bedeutet, dass sie nur das Innere ist, weil man nach der Tora zu ihr gelangt.
Denn es heißt: „Hätten sie Mich doch verlassen und Meine Tora bewahrt; das Licht in ihr führt sie zum Guten zurück.“2 Doch wie kann man die Tora ohne den Schöpfer bewahren? Und wie kann Er sagen: „Hätten sie Mich doch verlassen“?
Gemeint sind vielmehr jene Menschen, die der Stufe „Mich“ würdig werden wollen: Sie wollen Ehrfurcht vor dem Himmel haben und zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen.
Ihnen wird gesagt: Bleibt nicht bei dieser Arbeit stehen und versucht nicht, dadurch zur Anhaftung zu gelangen, dass ihr Verlangen und Sehnsucht nach dem Schöpfer habt. Denn der Schöpfer kann Sich nicht mit einem Menschen verbinden, der sich in der Eigenschaft der Lüge befindet, wie geschrieben steht: „Wer Lügen redet, wird vor Meinen Augen nicht bestehen.“ Ebenso wenig kann Er Sich mit einem stolzen Menschen verbinden, wie unsere Weisen sagten: „Über jeden Menschen, in dem Hochmut ist, sagt der Schöpfer: Ich und er können nicht gemeinsam in der Welt wohnen.“3
Es steht auch geschrieben: Wenn der Mensch den Bösen Trieb (Jezer haRa), der „Schlange“ genannt wird, nicht korrigiert, gilt, was unsere Weisen sagten: „Ein Mensch wohnt nicht mit einer Schlange in einem Korb“ – und der Schöpfer erst recht nicht. Vielmehr muss der Mensch seine Handlungen korrigieren; dann kann er des Glaubens an den Schöpfer würdig werden.
Diese Korrektur findet sich in der Tora. Deshalb erklären sie die Worte „Meine Tora bewahrt“ mit dem Satz: „Das Licht in ihr führt sie zum Guten zurück.“ Durch das Licht der Tora kehren sie also zum Guten zurück und werden dann des Schatzes der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig.
Daraus folgt, dass die Tora einem Tor gleicht, durch das man in den Schatz eintreten kann. Dieser Schatz heißt „Haus“ – auf Aramäisch Darta.
Wer nur am Tor stehen bleiben will und nicht darauf achtet, dass er durch dieses Tor hindurchgehen kann, nimmt also nicht das Licht aus der Tora, damit es ihn zum Guten zurückführt. So gelangt er auch nicht zum Glauben an den Schöpfer, zum Schatz der Ehrfurcht vor dem Himmel. Er gleicht vielmehr jemandem, der nur damit beschäftigt ist, für sich ein Tor zu bauen, aber nicht beabsichtigt, sich ein Haus zu bauen.
Denn das Tor soll nur dem Haus dienen. Wenn er aber kein Haus hat, also nicht beabsichtigt, zur Ehrfurcht vor dem Himmel zu gelangen, wozu braucht er dann das Tor? Eine Öffnung dient nur als Durchgang: Wenn man einen bestimmten Ort betreten will, muss man die Öffnung finden, durch die man hineingehen kann.
Oder wenn ein Ort ringsum verschlossen ist, schafft man sich eine Öffnung, um hineinzugehen. Wer jedoch eine Öffnung schafft, ohne das Haus zu betreten, hat seine ganze Arbeit an dieser Öffnung nutzlos und vergeblich verrichtet.
Nachdem man in das Haus eingetreten ist, das „Ehrfurcht vor dem Himmel“ und „Schatz“ heißt, gelangt man anschließend zum Inneren der Tora. Das bedeutet, Tora liShma (um des Gebens willen) zu lernen: Nachdem die Tora den Menschen zu liShma geführt hat, das „Ehrfurcht vor dem Himmel“ genannt wird, offenbart man ihm die Geheimnisse der Tora, und er wird wie eine Quelle, die immer kräftiger sprudelt. Daraus folgt, dass die Hauptarbeit darin besteht, der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig zu werden, die liShma genannt wird.
Deshalb verkündete Rabbi Jannai: Wenn die Ehrfurcht vor dem Himmel das Wesentliche ist und man anschließend der Tora von oben würdig wird, dann gleicht jemand, der Tora lernt, aber sich nicht darum sorgt, dass die Tora ihn zum Guten zurückführt und er durch sie der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig wird, einem Menschen ohne Haus. Seine ganze Sorge und Mühe müsste dem Haus gelten, dem Schatz der Ehrfurcht vor dem Himmel. Will er aber nur die Tora, obwohl die Tora einzig als Eingang zur Ehrfurcht vor dem Himmel dienen soll, so baut er ein Tor für ein Haus, das er nicht hat. Dieses Tor baut er nutzlos und vergeblich.
Auf diese Weise ist auch das Gleichnis von den Schlüsseln zu erklären. Es handelt von einem Menschen, der sich darum sorgt und das Innere der Tora erlangen will, aber nicht darauf achtet, die Stufe liShma zu erlangen, also Ehrfurcht vor dem Himmel. Über ihn heißt es: „Kann er damit hineingehen?“
Denn wer Tora liShma lernt – das heißt, die Tora hat ihn zu liShma geführt – und der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig geworden ist, dem offenbart man die Geheimnisse der Tora. Solange er der Stufe liShma noch nicht würdig geworden ist, offenbart man sie ihm jedoch nicht. Daher ist seine Arbeit, mit der er das Innere erlangen will, nutzlos und vergeblich.
Deshalb muss man vor allem auf die Stufe liShma achten, also auf die Ehrfurcht vor dem Himmel. Alle Handlungen des Menschen sollen sich ausschließlich auf diesen einen Punkt richten: die Ehrfurcht vor dem Himmel. Denn sie ist verborgen, und der Mensch muss sie entdecken.
Das ist die Bedeutung der Worte: „In Seiner Schatzkammer hat der Schöpfer nichts außer dem Schatz der Ehrfurcht vor dem Himmel, wie es heißt: ‚Die Ehrfurcht vor dem Ewigen ist Sein Schatz.‘“ Der Mensch muss sich also anstrengen, die Ehrfurcht vor dem Himmel zu finden.
Die Tora hingegen offenbart ihm der Schöpfer ohne jede Anstrengung, wie Rabbi Meir sagt: „Jeder, der sich mit der Tora liShma beschäftigt.“ Er beschäftigt sich nur deshalb mit der Tora, um zu liShma zu gelangen, zur Stufe der Ehrfurcht vor dem Himmel; darin besteht seine ganze Anstrengung. Sobald der Mensch aber der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig geworden ist, offenbart man ihm die Geheimnisse der Tora.
„Verborgenheit“ bedeutet, dass man suchen muss; ohne Suche kann man nicht finden. Das ist die Bedeutung von „Du hast dich angestrengt und gefunden“: Weil der Mensch sich angestrengt hat, wurde er des Fundes würdig. Er fand also, was der Schöpfer in Seiner Schatzkammer verborgen hatte – den Schatz der Ehrfurcht vor dem Himmel.
Über die Tora hingegen sagt Rabbi Meir, dass man ihm die Geheimnisse der Tora offenbart und er wie eine immer kräftiger sprudelnde Quelle und wie ein Fluss wird, der niemals versiegt. Das ist die Bedeutung der Worte: „Alles liegt in den Händen des Himmels außer der Ehrfurcht vor dem Himmel.“ Den Schatz der Ehrfurcht vor dem Himmel muss der Mensch selbst finden.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026