883. Denn der Mensch ist der Baum des Feldes – 1
Rabbi Yochanan sagte: „Was bedeutet der Vers: ‚Denn der Mensch ist der Baum des Feldes‘?1 Ist denn der Mensch ein Baum des Feldes? Vielmehr steht geschrieben: ‚Denn von ihm sollst du essen und ihn nicht fällen‘, und es steht geschrieben: ‚Diesen sollst du vernichten und fällen.‘ Wie ist das zu verstehen? Wenn er ein rechtschaffener Tora-Gelehrter (Talmid Chacham) ist, sollst du von ihm essen und ihn nicht fällen; wenn nicht, sollst du ihn vernichten und fällen.“2
Man muss fragen: Was hat ein rechtschaffener Tora-Gelehrter mit einem Fruchtbaum zu tun und ein nicht rechtschaffener Tora-Gelehrter mit einem Baum, der keine essbaren Früchte trägt? Schließlich heißt es in der Schrift: „Du sollst seine Bäume nicht vernichten, indem du die Axt gegen sie schwingst, denn von ihnen sollst du essen … Nur einen Baum, von dem du weißt, dass er kein Fruchtbaum ist, sollst du vernichten und fällen.“
Der heilige Sohar sagt: „Ein anderer Gott ist unfruchtbar und bringt keine Früchte hervor.“3 Dort heißt es:
„Daher vertrocknet die Quelle derer, die an ihm scheitern und auf den Wegen der unreinen Welten ABYA gehen. Sie haben keinerlei spirituelle Früchte zum Segen, verwelken immer mehr und werden schließlich völlig verschlossen. Das Gegenteil gilt für diejenigen, die der Heiligkeit (Kedusha) anhaften: Sie werden mit Segen für das Werk ihrer Hände belohnt, ‚wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht zu seiner Zeit gibt und dessen Blatt nicht verwelkt; und alles, was er tut, wird gelingen‘.“4
So lässt sich die Verbindung zwischen einem rechtschaffenen Tora-Gelehrten und einem Fruchtbaum verstehen, über den die Schrift sagt: „Denn von ihm sollst du essen und ihn nicht fällen.“ Ein Baum, der Früchte hervorbringt, ist ein Zeichen der Heiligkeit; ein Baum dagegen, der keine Früchte hervorbringt, ist ein Zeichen der Unreinheit und wird als ein nicht rechtschaffener Tora-Gelehrter bezeichnet.
Ebenso finden wir: „Dies sind die Nachkommen Noahs.“ Dazu heißt es: „Die Frucht eines Gerechten ist ein Baum des Lebens.“ Was sind die Früchte eines Gerechten? Mizwot und gute Taten.5 Demnach lässt sich erklären: Wenn er ein rechtschaffener Tora-Gelehrter ist, also Früchte hervorbringt und Mizwot und gute Taten vorzuweisen hat, dann „sollst du von ihm essen“. Wenn nicht, „sollst du ihn vernichten und fällen“.
Vor diesem Ausspruch führt die Gemara folgenden an: „Es wurde gelehrt: Rabbi Bena’a sagt: Wer sich mit der Tora liShma (um des Gebens willen) befasst, für den wird seine Tora zu einem Lebenselixier, wie es heißt: ‚Ein Baum des Lebens ist sie für diejenigen, die an ihr festhalten.‘ Ferner heißt es: ‚Heilung wird sie für deinen Nabel sein‘, und: ‚Wer mich findet, findet Leben.‘ Wer sich jedoch mit der Tora lo liShma (nicht um des Gebens willen) befasst, für den wird seine Tora zu einem Todeselixier, wie es heißt: ‚Wie Regen ergießt sich meine Lehre.‘ Das hier verwendete Wort für ‚ergießen‘, ya’arof, bezeichnet nichts anderes als das Töten, wie es heißt: ‚Und dort im Bach sollen sie ihr das Genick brechen.‘“ Man muss verstehen, weshalb diese beiden Aussprüche nebeneinanderstehen.
Man kann erklären, dass Rabbi Yochanan nicht speziell meint, wer bei einem Tora-Gelehrten lernt, solle darauf achten, ob dieser rechtschaffen ist. Vielmehr bezieht sich seine Aussage auf den Lernenden selbst und auf die Art, wie er lernt.
Wenn jemand also Tora lernt und erkennt, dass die Texte, die er studiert, ihn nicht dazu bringen, von diesem Lernen Früchte zu essen – nämlich Mizwot und gute Taten –, dann gilt: „Diesen vernichte, und iss nicht von ihm.“ Stattdessen soll er darauf achten, die Tora so zu lernen, dass sie ihm Kraft und Stärke verleiht, Mizwot und gute Taten zu vollbringen. Diese werden „Früchte“ genannt, und gerade von diesem Lernen soll er essen.
In diesem Sinne kann man auch erklären, was unsere Weisen über den Vers „Die Augen des Ewigen, deines Gottes, ruhen auf ihr“ sagten: „Es gibt Zeiten zum Guten und Zeiten zum Schlechten.“
Wie zeigen sich Zeiten zum Guten? Wenn Israel an Rosh Hashana vollkommen aus Frevlern (Rashaim) bestand und ihnen wenig Regen zugeteilt wurde, sie später aber umkehrten, kann man ihn nicht mehr vermehren, denn das Urteil ist bereits gefällt. Stattdessen lässt der Schöpfer den Regen zur rechten Zeit auf das Land fallen, das ihn braucht. Rashi erklärt: „Auf das Land, das ihn braucht“ – auf die Felder, die Weinberge und die Gärten. Alles richtet sich nach dem Land.
Wie zeigen sich Zeiten zum Schlechten? Wenn Israel an Rosh Hashana vollkommen aus Gerechten bestand und ihnen reichlich Regen zugeteilt wurde, sie später aber davon abkehrten, kann man den Regen nicht verringern, denn das Urteil ist bereits gefällt. Stattdessen lässt der Schöpfer ihn zur Unzeit auf Land fallen, das ihn nicht braucht. Rashi erklärt: „Auf Land, das ihn nicht braucht“ – in Wälder und Wüsten.6
„Regen“ bedeutet Wasser, und Wasser bedeutet nichts anderes als die Tora. Unsere Weisen sagten: „Der Lohn einer Mizwa ist eine Mizwa.“7 Das bedeutet: An Rosh Hashana wird der Mensch nach seinen Taten gerichtet, und man entscheidet, wie viel Tora er in dieser Zeit lernen wird.
Wenn seine Taten an Rosh Hashana also denen eines Gerechten entsprachen, wurde ihm reichlich Regen zugeteilt. Wenn er später davon abkehrte, also sündigte, gilt er als Frevler. „Doch zum Frevler sprach Gott: Was hast du Meine Gesetze aufzuzählen?“ Dann gibt Er ihm den Regen, der ihm zugeteilt worden war.
Wenn ihm beispielsweise zugeteilt wurde, acht Stunden am Tag zu lernen, lässt Er ihn diese acht Stunden lernen, jedoch an einem Ort, der den Regen nicht braucht: in Wäldern und Wüsten, also an einem Ort, an dem keine Früchte wachsen können.
Das heißt, man lässt ihn Dinge lernen, die ihm keine Früchte bringen – also keine Mizwot und guten Taten. Im Gegenteil: Dieses Lernen wird für ihn zu einem Todeselixier, wie unsere Weisen über denjenigen sagten, der lo liShma lernt.
War er dagegen an Rosh Hashana ein Frevler und wurde ihm wenig Regen zugeteilt, sodass er nur zwei Stunden am Tag lernt, dann erhält er, wenn er Umkehr (Teshuwa) tut, diese geringe Menge Tora an einem Ort, an dem sie Früchte hervorbringen kann, der „Weinberge, Felder und Gärten“ genannt wird. So wachsen aus der Tora Früchte, die Mizwot und gute Taten genannt werden.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026