876. Der Schöpfer erschuf den Bösen Trieb und erschuf die Tora als Gewürz für ihn
Chukat 1984
„Der Schöpfer erschuf den Bösen Trieb und erschuf die Tora als Gewürz für ihn.“1
Wir müssen verstehen, was der Böse Trieb (Jezer haRa) ist und was das Gewürz ist. Außerdem ist Folgendes zu klären: Wenn man ein Gericht kocht, ist das Gericht die Hauptsache; die Gewürze verleihen ihm lediglich Geschmack. Wie kann man also sagen, der Böse Trieb sei die Hauptsache und die heilige Tora nur ein Gewürz? Auch müssen wir verstehen: Wenn es heißt, die Tora sei ein Gewürz, klingt es so, als seien die Tora und die Mizwot lediglich ein Mittel. Dies entspricht den Worten unserer Weisen: „Die Mizwot wurden nur gegeben, um Israel durch sie zu läutern.“2 Demnach müsste man nach der Läuterung die Tora und die Mizwot nicht mehr einhalten.
Was ist nun das Wesen des Bösen Triebs? Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel (Mattarat haBeria) darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Aus diesem Grund erschuf Er in den Geschöpfen ein Verlangen und eine Sehnsucht, Genuss und Freude zu empfangen. Damit die Geschöpfe beim Empfang des Genusses Vollkommenheit erlangen, also keinerlei Scham empfinden, wurde eine Korrektur vorgenommen, die „um zu geben“ heißt. Das bedeutet, dass sie nichts für sich selbst wollen, sondern dem Schöpfer geben möchten. Dann empfinden sie keine Scham, denn sie empfangen nichts zu ihrem eigenen Wohl, sondern alles zum Wohl des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen.
Wir müssen jedoch wissen, was wir dem Schöpfer geben können, damit Er daran Freude hat. Deshalb teilte uns der Schöpfer durch Moses, unseren Lehrer, mit, dass Er uns 613 Mizwot gibt und wir diese Mizwot einhalten müssen, um Ihm Wohlgefallen zu bereiten. Dann kann Er uns all das Gute geben. Denn das Gefäß des Unteren – das Verlangen, nur für sich selbst zu empfangen – wird „böse“ genannt, weil es all die Zerstörungen, Diebstähle, Morde und Ähnliches verursacht. Es fügt anderen Böses zu.
Wir müssen aber wissen, dass das Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) auch sich selbst schadet. Abgesehen von dem Schaden, den es im Materiellen verursacht, verdirbt es unseren gesamten spirituellen Zustand. Wie oben gesagt, können wir das Ziel nicht erreichen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun: Wir sollen Gutes und Genuss empfangen, doch das Verlangen zu empfangen hindert uns daran. Denn es ist dem Verlangen zu geben (Razon lehashpia) entgegengesetzt: Der Schöpfer ist der Gebende, wir aber wollen nur empfangen. Ohne Angleichung der Form gibt es keine Anhaftung (Dwekut).
Daher sollten wir uns darüber freuen, dass Er uns durch Moses, unseren Lehrer, mitgeteilt hat: Wenn wir die Tora und die Mizwot einhalten, erhalten wir die Korrektur, die „Angleichung der Form“ heißt. Hätte Er uns nicht mitgeteilt, was wir Ihm geben sollen, wüssten wir nicht, was wir Ihm geben können. Da Er uns jedoch mitgeteilt hat, dass wir die 613 Mizwot einhalten sollen, wissen wir nun, was wir Ihm geben können.
Das gleicht einem Vegetarier, der nur Obst, Gemüse und Ähnliches genießt. Er hat einen bedeutenden Menschen eingeladen und möchte für ihn ein Festmahl zubereiten. Doch er ist es nur gewohnt, Mahlzeiten zuzubereiten, wie Vegetarier sie essen. Deshalb bereitet es ihm große Mühe herauszufinden, was der bedeutende Gast gewöhnlich isst. Würde der Gast ihm einen Speiseplan mit den Gerichten geben, die er mag, wie sehr würde sich der Gastgeber darüber freuen, nun zu wissen, was er für das Festmahl zubereiten soll!
Auch wir sollten uns darüber freuen, dass Er uns durch Moses, unseren Lehrer, mitgeteilt hat, woran Er Freude hat. So müssen wir uns nicht abmühen herauszufinden, womit wir Ihm Freude bereiten können. Dies ist die Bedeutung der 613 Mizwot, die Er uns zur Einhaltung gegeben hat. Wenn wir bei der Einhaltung der Tora und der Mizwot beabsichtigen, Ihm Freude zu bereiten, gelangen wir zur Angleichung der Form. Dies heißt: „Hafte an Seinen Eigenschaften an.“ Dadurch werden wir mit Anhaftung an den Schöpfer belohnt.
Warum möchte Er, dass wir Ihm geben? Fehlt Ihm etwa etwas, sodass wir Ihm Freude bereiten müssten? Wie bereits an mehreren Stellen erklärt wurde, dient dies einer Korrektur zu unserem Wohl: Das Gute und der Genuss, die Er uns geben möchte, sollen nicht mit Scham vermischt sein. Warum wählte Er gerade diese 613 Mizwot? Es heißt, Er wusste, dass gerade diese Mizwot uns helfen, die Stufe des Gebens zu erreichen und uns aus der Herrschaft der Eigenliebe zu lösen. Das ist eine neue Eigenschaft, die nicht in unserer Natur liegt. Dies ist die Bedeutung der Worte unserer Weisen: „Ich erschuf den Bösen Trieb; Ich erschuf die Tora als Gewürz.“
Wenn wir also sagen, die Tora und die Mizwot seien nur ein Mittel, um das Böse – das Verlangen zu empfangen – zu korrigieren, müssen wir verstehen: Was gibt uns die Einhaltung der 613 Mizwot, nachdem der Mensch sein Verlangen zu empfangen bereits dahingehend korrigiert hat, um zu geben? Um dies zu verstehen, müssen wir betrachten, was in der „Einleitung in das Buch Sohar“ geschrieben steht3: Die Mizwot der Tora werden in der Sprache des Sohar „Hinterlegungen“ (Pkudin) genannt, aber auch „Ratschläge“ (Ejtin). Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass es in jeder Sache Panim (Vorderseite) und Achor (Rückseite) gibt. Die Vorbereitung auf eine Sache heißt Achor, die Erlangung der Sache dagegen Panim.
Entsprechend gibt es in der Tora und den Mizwot die Zustände „Wir werden tun“ und „Wir werden hören“, wie unsere Weisen sagten: „Täter Seines Wortes, um auf die Stimme Seines Wortes zu hören“ – zuerst „tun“ und danach „hören“.4 Wenn man die Tora und die Mizwot als „Täter Seines Wortes“ einhält, bevor man damit belohnt wird, zu hören, heißen die Mizwot 613 „Ratschläge“; sie entsprechen Achor. Wird man dagegen damit belohnt, „auf die Stimme Seines Wortes zu hören“, werden die 613 Mizwot zu „Hinterlegungen“, was vom Wort Pikadon (Hinterlegung) kommt. Denn es gibt 613 Mizwot, und in jeder Mizwa ist das Licht einer besonderen Stufe hinterlegt. Es entspricht einem besonderen Organ unter den 613 Organen und Sehnen der Seele. Wenn der Mensch die Mizwa ausführt, zieht er zu dem entsprechenden Organ seiner Seele und seines Körpers die Lichtstufe heran, die zu diesem Organ und dieser Sehne gehört. Dies ist Panim der Mizwot; unter diesem Gesichtspunkt von Panim heißen sie „Hinterlegungen“.
Aus all dem folgt, dass uns die 613 Mizwot zwei Dinge geben:
1) Während der Vorbereitung ist der Mensch noch seinem Bösen, also dem Verlangen zu empfangen, unterworfen. Er besitzt keinerlei Kraft, etwas zum Wohl des Nächsten zu tun, und befindet sich daher aufgrund der Verschiedenheit der Form in Trennung vom Schöpfer. Dann geben uns die 613 Mizwot die Kraft, uns aus seiner Herrschaft zu lösen. Dies heißt: „Ich erschuf den Bösen Trieb; Ich erschuf die Tora als Gewürz.“ In diesem Zustand sind die 613 Mizwot ein Mittel.
2) Nachdem der Mensch damit belohnt wurde, liShma (um des Gebens willen) zu erreichen, also Angleichung der Form, wird er mit der Offenbarung der Geheimnisse der Tora belohnt. Wie oben gesagt wurde: „Rabbi Meir sagt: Wer die Tora [im Sinne von] liShma lernt … dem werden die Geheimnisse der Tora offenbart.“5 Dann werden die 613 Mizwot zu 613 Organen der Seele, wobei jede Mizwa ein besonderer Ort für ein besonderes Licht ist. Auch im Materiellen sehen wir: Jede Sache, die der Mensch aus den materiellen Genüssen nimmt, hat einen anderen Geschmack. Brot schmeckt anders als Fleisch, und Fisch schmeckt wiederum anders, obwohl alle als Nahrung für den Körper bezeichnet werden. Umso mehr hat in der Spiritualität jede Mizwa einen eigenen Geschmack. Dann gelten die 613 Mizwot als Wesen und nicht als Mittel.
Dann besteht die gesamte Tora aus den Namen des Schöpfers, wie es in der „Einführung in das Talmud Esser haSefirot“ heißt6: „Wenn der Mensch jedoch mit der Offenbarung des Angesichts belohnt wird … heißt es über ihn: ‚Dein Lehrer wird sich nicht länger verbergen, und deine Augen werden deinen Lehrer sehen‘.“7 Denn von da an verbergen und verhüllen die Gewänder der Tora den „Lehrer“ nicht mehr, und Er wird ihm für immer offenbart, da die Tora und der Schöpfer eins sind.
Nach dem Gesagten verstehen wir nun unsere Frage: Warum sagten unsere Weisen: „Ich erschuf den Bösen Trieb; Ich erschuf die Tora als Gewürz“? Daraus klingt es so, als sei der Böse Trieb die Hauptsache. Es ähnelt dem Kochen einer Suppe: Die Suppe ist die Hauptsache, und das Gewürz verleiht ihr nur Geschmack. Doch von der Tora dürfen wir keinesfalls sagen, sie sei lediglich ein Gewürz. Vielmehr gibt uns die Tora, wie oben erklärt, zwei Dinge: Das eine heißt „Gefäße“, das andere „Lichter“.
„Gefäße“ bedeutet, dass wir geeignet werden, die höhere Fülle zu empfangen. Die Gefäße der Heiligkeit (Kedusha) bestehen aus zwei Eigenschaften:
1) Die erste und wichtigste ist die Sehnsucht nach einer bestimmten Sache. Entsprechend der Sehnsucht nach einer Sache empfindet man an ihr den Geschmack von Genuss. Ob die Sehnsucht groß oder klein ist, wird an dem Leiden gemessen, das der Mensch ihretwegen empfindet. Wenn er die Sache, nach der er sich sehnt, nicht erhält und deshalb stark leidet, heißt dies eine große Sehnsucht. Leidet er dagegen nicht stark, wenn er sie nicht erhält, heißt dies eine kleine Sehnsucht. Danach bemisst sich der Genuss, den er beim Empfang empfindet.
Damit ist das Gefäß jedoch noch nicht dafür vollendet, die höhere Fülle zu empfangen. Denn beim Empfang des Genusses empfindet der Mensch Unbehagen; dies ist das bekannte Brot der Schande (Nahama deKisufa). Zwar empfängt er den Genuss, doch empfindet er dessen Geschmack als mangelhaft – wie bei einer Suppe, der das Gewürz fehlt. Dann kommt die Tora der ersten Art und korrigiert das Verlangen zu empfangen dahin, dass es um des Gebens willen empfängt. Nun kann das Gefäß den Genuss empfangen, ohne dabei irgendeinen Mangel zu empfinden.
Dies ist die Bedeutung der Worte: „Ich erschuf den Bösen Trieb; Ich erschuf die Tora als Gewürz.“ Das Licht in der Tora besitzt also die Kraft, das in uns liegende Verlangen zu empfangen dahingehend zu korrigieren, um zu geben. Dann ist das Gefäß zum Empfang geeignet, und dieser Empfang weist keinen Mangel auf. Die 613 Mizwot geben uns somit die Korrektur der Gefäße: Durch die Einhaltung der Tora und der Mizwot wird unser Gefäß des Empfangens auf „um zu geben“ umgewandelt, und dann können wir die Fülle um des Himmels willen empfangen.
2) Die zweite Eigenschaft besteht darin, dass die Tora und die Mizwot uns Lichter geben. Dann werden die 613 Mizwot in der Sprache des heiligen Sohar 613 „Hinterlegungen“ genannt. In jeder Mizwa ist als Hinterlegung ein besonderes Licht enthalten. Wenn der Mensch die Mizwa ausführt, zieht er während ihrer Ausführung das besondere Licht heran, das zu dieser Mizwa gehört. Dies bedeutet, dass uns die 613 Mizwot Lichter geben.
Damit verstehen wir unsere Frage zur Tora und zu den Mizwot, aus der es so klingt, als seien sie nur ein Mittel und nicht das Wesen. Das gilt nur während der Korrektur der Gefäße. Auch dann ist das eigentliche Gefäß für den Empfang des Genusses allein das Verlangen zu empfangen. Damit der Genuss jedoch in Vollkommenheit empfangen wird und Geschmack hat, benötigen wir die Tora und die Mizwot: Sie verleihen ihm Geschmack wie das Gewürz in der Suppe.
Nachdem die Gefäße jedoch korrigiert worden sind und der Mensch in den zweiten Zustand, den der Lichter, gelangt, sind die 613 Mizwot das Wesen selbst. Dann gelten sie als die Namen des Schöpfers. Die Ordnung ist nun so, dass das Licht kommt und sich in die Gefäße kleidet. Dies heißt, dass der Mensch Gutes und Genuss empfängt und zugleich in Anhaftung ist.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026