736. Die Verminderung des Mondes
Pinchas
„Und einen Ziegenbock als Sündopfer für den Ewigen.“ Der Schöpfer sagte: „Bringt Mir Sühne dafür, dass Ich den Mond vermindert habe.“
Dazu ist zu fragen:
1) Wie kann man die Verminderung gewissermaßen als Sünde bezeichnen und sagen, dass der Schöpfer eine Sünde begangen hat?
2) Wenn dies gewissermaßen einer Sünde gleicht, warum hat Er es dann getan?
3) Warum wird die Sünde durch das Opfer zum Monatsbeginn gesühnt?
4) Bei der Heiligung des Mondes sagen wir: „Möge es Dein Wille sein, den Makel des Mondes zu beheben.“ Was kümmert es Ihn, wenn der Mond mit seinem Makel bleibt? Hat der Mond etwa Empfindungen, sodass ihm etwas fehlt, wenn er einen Makel hat?
5) Es gilt die Regel: Wer sündigt, bringt die Sühne dar. Warum muss also Israel die Sühne darbringen?
Unsere Weisen sagten: „Israel richtet seine Zeitrechnung nach dem Mond, die Völker der Welt nach der Sonne.“
Die Sonne weist auf Wissen hin. So deuteten unsere Weisen am Anfang des Traktats Pessachim den Vers „Bei Tagesanbruch steht der Mörder auf“: „Wenn dir die Sache so klar ist wie das Licht“, dann wird dies klares Wissen genannt und entspricht der Sonne. „Wenn dir die Sache jedoch zweifelhaft ist wie die Nacht“, dann entspricht dies dem Mond. Denn der Mond herrscht in der Nacht und weist auf Malchut hin, die in der Nacht herrscht, wie in den Schriften des ARI (R. Jizchak Luria) erläutert wird. Das heißt: Wo vom Verstand her Zweifel besteht, ist Raum für den Glauben.
Vor der Verminderung war das Königtum des Himmels in Gadlut (Erwachsensein). Aus der Gadlut heraus konnte der Mensch bei der Annahme des Jochs des Königtums des Himmels sofort einen wunderbaren, unendlichen Genuss empfinden. Dann fiel es ihm leicht, auf den Wegen des Schöpfers zu gehen.
Nach der Verminderung des Mondes änderte sich dies jedoch: Wenn der Mensch das Joch des Königtums des Himmels auf sich nimmt, empfindet er ein Joch ohne Genuss. Dennoch nimmt er den Glauben mit Kraft auf sich, „wie ein Ochse das Joch und wie ein Esel die Last“.
Somit besteht durch die Verminderung die Möglichkeit, dass der Mensch zur Sünde gelangt, also das Joch des Königtums des Himmels nicht auf sich nehmen will. Das kann in ihm einen Geist des Unglaubens hervorrufen. Der Schöpfer tat dies, damit es kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) gibt.
Denn gerade dort, wo der Genuss nicht offenbart ist, besteht Raum, zu arbeiten, ohne eine Belohnung empfangen zu wollen. Die Verminderung ist also eine Korrektur, durch die der Mensch zur Arbeit liShma gelangen kann – das heißt, nicht sich selbst Genuss zu bereiten, sondern um des Himmels willen zu arbeiten.
Daraus folgt, dass die Verminderung Ursache und Anlass dafür ist, dass der Mensch zur ewigen Vollkommenheit gelangen kann. Doch zugleich führt diese Korrektur noch etwas anderes herbei: Sie schafft die Möglichkeit, dass der Mensch sündigt. Denn durch diese Verminderung von Malchut entfernt er sich von der Arbeit, das Joch des Königtums des Himmels anzunehmen. Somit gleicht dies gewissermaßen dem Verstoß: „Lege einem Blinden kein Hindernis in den Weg“, da der Mensch infolge dieser Verminderung scheitern kann.
Somit ist es, als wäre dies eine Sünde, die Sühne erfordert. Diese Sühne kann jedoch gerade durch Israel erfolgen. Das Opfer (Korban) bedeutet, sich dem Schöpfer zu nähern; denn Nähe bedeutet Angleichung der Form. Wenn der Mensch das Joch des Königtums des Himmels auf sich nimmt, nicht um eine Belohnung zu empfangen, sondern um zu geben, wird dies Annäherung genannt. Das ist die Bedeutung eines Opfers für den Schöpfer.
Indem der Mensch die Arbeit mit der Absicht zu geben auf sich nimmt, korrigiert er also die Sünde der Verminderung des Mondes. Denn die Verminderung von Malchut bewirkt, dass der Mensch zur Arbeit mit der Absicht zu geben gelangen kann.
Damit zeigt sich rückblickend, dass es keine Sünde war. Im Gegenteil: Die Verminderung bewirkte, dass der Mensch zur Vollkommenheit gelangen kann. Denn ohne sie hätte er keinerlei Möglichkeit, in der Eigenschaft des Gebens zu arbeiten, wie oben erläutert. So erkennen wir von selbst, dass hier keine Sünde vorlag, sondern im Gegenteil eine Korrektur, die zur Vollkommenheit führt.
Somit kann gerade Israel die Sühne darbringen. Durch das Opfer vergeht die Sünde. Darum beten wir: „Möge es Dein Wille sein, den Makel des Mondes zu beheben“, das heißt, dass Malchut in ihrer ganzen Vollkommenheit leuchtet. Dies geschieht durch die Korrektur unserer Handlungen bei der Arbeit mit der Absicht zu geben.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026