731. Almosen für den Armen
Wochenabschnitt Behar, 5718 [1958], Sunderland
Im Wochenabschnitt Behar heißt es: „Wenn dein Bruder verarmt und seine Hand neben dir schwach wird, sollst du ihn stärken.“ Rashi erklärt: Lass ihn nicht so weit absinken und fallen, dass es schwer wird, ihn wieder aufzurichten, sondern stärke ihn von dem Augenblick an, in dem seine Hand schwach wird. Womit lässt sich das vergleichen? Mit einer Last auf einem Esel: Solange sie noch auf dem Esel liegt, kann ein Einziger sie festhalten und wieder in die richtige Lage bringen. Ist sie aber zu Boden gefallen, können selbst fünf sie nicht wieder hinaufheben.
Im Midrash Rabba heißt es: „Glücklich ist, wer sich des Armen annimmt; am Tag des Unglücks wird ihn der Ewige retten.“ Dazu gibt es fünf Auslegungen:
1) Abba bar Yirmija sagte im Namen von Rabbi Meir: Das ist jemand, der den Guten Trieb über den Bösen Trieb (Jezer haRa) herrschen lässt.
2) Issi sagte: Das ist jemand, der einem Armen eine Münze gibt.
3) Rabbi Yochanan sagte: Das ist jemand, der einen Toten bestattet, dessen Bestattung eine Mizwa ist.
4) Die Weisen sagten: Das ist jemand, der sich der Herrschaft entzieht.
5) Rav Huna sagte: Das ist jemand, der einen Kranken besucht.
Wir müssen verstehen:
1) Warum entfernen sich alle vom einfachen Wortsinn? Es steht doch „arm“ geschrieben, sie deuten es jedoch auf jemanden, der den Guten Trieb über den Bösen Trieb herrschen lässt, einen Toten bestattet, dessen Bestattung eine Mizwa ist, sich der Herrschaft entzieht oder einen Kranken besucht.
2) Welcher Zusammenhang besteht zu dem Vers „Wenn dein Bruder verarmt“?
Zunächst müssen wir wissen, wen der Vers als arm bezeichnet.
In Kohelet1 heißt es: „Da war eine kleine Stadt, und nur wenige Menschen lebten darin. Ein großer König zog gegen sie und umzingelte sie … Doch in ihr fand sich ein armer, weiser Mann. Die Weisheit des Armen aber wurde verachtet, und seine Worte fanden kein Gehör.“ Rashi erklärt im Namen des Midrash Aggada: „Die kleine Stadt ist der Körper. Die wenigen Menschen darin sind die Organe des Menschen. Der große König ist der Böse Trieb, den alle Organe spüren.“
Daraus folgt, dass der Gute Trieb als der Arme, der Bedürftige und der Mittellose bezeichnet wird. Weil seine Worte kein Gehör finden, wird darüber der Vers angeführt: „Glücklich ist, wer sich des Armen annimmt; am Tag des Unglücks wird ihn der Ewige retten.“
Dort im Midrash wird außerdem gelehrt: „Mehr als der Hausherr für den Armen tut, tut der Arme für den Hausherrn. Denn Ruth sagte zu Noomi: ‚Der Name des Mannes, mit dem ich heute gehandelt habe, ist Boas.‘ Es steht nicht geschrieben: ‚der mit mir gehandelt hat‘, sondern: ‚mit dem ich gehandelt habe‘. Sie sagte zu ihr: ‚Viele Taten und Wohltaten habe ich ihm heute erwiesen für die Münze, die er mir gegeben hat.‘“
Nun können wir den oben genannten Midrash verstehen: Weil der Gute Trieb als der Arme bezeichnet wird, sagte Abba bar Yirmija im Namen von Rabbi Meir: Das ist jemand, der den Guten Trieb über den Bösen Trieb herrschen lässt. Issi wiederum erklärt, wie und wodurch man den Guten Trieb über den Bösen Trieb herrschen lassen kann.
Er sagte: Das ist jemand, der einem Armen eine Münze gibt. Dies geschieht durch die Kraft des Almosengebens, wie unsere Weisen sagten: „Almosen rettet vor dem Tod.“
Rabbi Yochanan erklärt, dass der Mensch dadurch dessen würdig wird, einen Toten zu bestatten, dessen Bestattung eine Mizwa ist. Damit ist der Böse Trieb gemeint, denn die Frevler (Rashaim) werden schon zu Lebzeiten als Tote bezeichnet. Und es ist eine Mizwa, den Bösen Trieb zu begraben.
Die Weisen führen die Auslegung noch weiter: Dadurch entzieht sich der Mensch der Herrschaft, das heißt dem großen König, der als Böser Trieb bezeichnet wird.
Rav Huna führt die Auslegung noch weiter: Dadurch kann der Mensch den Kranken besuchen. Denn die Neshama (Seele) wird als krank bezeichnet, wie geschrieben steht: „Denn ich bin krank vor Liebe.“2 Das bedeutet: Der Gute Trieb liebt den Schöpfer bis hin zum Zustand eines Kranken; nur der Böse Trieb lässt den Menschen das nicht spüren. All dessen wird man dadurch würdig, dass man dem Armen eine Münze gibt, denn das Verdienst des Almosengebens ist so groß.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026