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741. Um die Geschöpfe zu läutern

Es wird erzählt, dass der Frevler Turnus Rufus Rabbi Akiwa fragte: „Wessen Werke sind schöner, die des Schöpfers oder die von Menschen?“ Er antwortete ihm: „Die von Menschen.“ Da fragte er: „Kann denn ein Mensch etwas wie Himmel und Erde erschaffen?“ Rabbi Akiwa erwiderte: „Sprich mit mir nicht über etwas, das über den Geschöpfen steht und worüber sie keine Macht haben, sondern über Dinge, die unter Menschen üblich sind.“

Er fragte ihn: „Warum beschneidet ihr euch?“ Rabbi Akiwa antwortete: „Ich wusste, dass du mich danach fragen würdest. Deshalb habe ich dir vorweg gesagt, dass die Werke der Menschen schöner sind als die Werke des Schöpfers.“ Rabbi Akiwa brachte ihm Ähren und Gebäck und sagte: „Dies sind Werke des Schöpfers, und jenes sind Werke von Menschen. Ist das Gebäck nicht schöner als die Ähren?“

Turnus Rufus fragte ihn: „Wenn Er die Beschneidung will, warum kommt das Kind dann nicht beschnitten aus dem Leib seiner Mutter?“ Rabbi Akiwa antwortete: „Warum kommt seine Nabelschnur mit ihm heraus, hängt an seinem Bauch, und seine Mutter schneidet sie durch? Und zu deiner Frage, warum es nicht beschnitten zur Welt kommt: Der Schöpfer gab Israel die Mizwot nur, damit sie sich durch sie läutern. Deshalb sagte David: ‚Jedes Wort des Ewigen ist geläutert‘.“1

Um den Streit zwischen ihnen zu erklären, müssen wir zuerst den Grund für die Erschaffung der Welten darlegen. Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel (Mattarat haBeria) darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Ebenso ist bekannt: „Kein Gedanke erfasst Sein Wesen auch nur im Geringsten.“ Alles, worüber wir sprechen, folgt allein dem Grundsatz: „Aus Deinen Taten erkennen wir Dich.“ So heißt es auch im Lied der Herrlichkeit: „Sie stellten Dich dar, doch nicht nach Deinem Wesen; sie verglichen Dich gemäß Deinen Taten.“

Daraus folgt: Wenn gesagt wird, der Grund für die Erschaffung der Welten besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, dann deshalb, weil alle, die dies als Grund nannten, es auf diese Weise erlangten. Das heißt „Aus Deinen Taten erkennen wir Dich“. Sie sahen, dass die Welt von einer Fülle an Genüssen erfüllt ist und es keinen Raum für Leiden gibt. Daher kamen sie zu dem Schluss, dass dies der Grund ist.

Sie erlangten noch etwas: Es gibt Belohnung und Strafe. Manchmal versiegt die Fülle, manchmal nimmt sie zu. So bestimmten sie auch die Ursache, die Belohnung und Strafe hervorruft.

Wo Anhaftung (Dwekut), also Angleichung der Eigenschaften, besteht, nimmt die Fülle jedes Mal noch stärker zu. Wo dagegen die Eigenliebe erwacht, die „Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) für sich selbst“ heißt, trocknet die Quelle aus und die Fülle versiegt. So erkannten sie, dass man gerade den Weg der Angleichung der Eigenschaften gehen muss.

Warum aber ist dies der Wille des Schöpfers? Sie sagten: damit es kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) gibt. Das bedeutet: Die Güte, die der Schöpfer gibt, soll vollkommen sein. Denn wenn der Mensch für sich selbst nimmt, setzt er sich immer eine Grenze: Das Gute und der Genuss, die er erhalten hat, genügen ihm bereits.

Empfängt er dagegen um des Gebenden willen, und will der Gebende ihm ohne Ende geben, dann wird sich der Untere mitten in seiner Arbeit nicht zufriedengeben und sagen: „All diese spirituellen Errungenschaften, die mir bereits zuteilgeworden sind, genügen mir; ich muss nicht weitergehen.“ Denn hier ist nicht der Empfänger der Maßstab. Wie viel Genuss er empfangen soll, bemisst sich vielmehr nach dem Gebenden.

Um den Wunsch des Gebenden zu erfüllen, zieht er daher von Tag zu Tag mehr Gutes nach unten. Andernfalls gilt er als einer, der die Pflanzungen abschneidet und keine weiteren Früchte in die Welt bringen kann.

Er kann es deshalb nicht, weil ihm das Bedürfnis danach fehlt. Damit die Güte vollkommen ist, muss Seine Fülle jedes Mal mehr und mehr herabgezogen werden. Der Mensch soll sich nicht schämen, wenn er die Fülle herabzieht. Im Gegenteil: Er soll wissen, dass er jedes Mal, wenn er mehr herabzieht, den Willen seines Schöpfers erfüllt. So heißt es: „Mehr als das Kalb saugen will, will die Kuh säugen.“

Damit der Mensch diese Stufe erreicht und seine Absicht auf das Geben ausrichtet, wurde uns eine Arbeit gegeben, die dem entgegengesetzt ist, was uns angesichts des Schöpfungsziels vor Augen steht. Denn aufgrund des Schöpfungsziels, Seinen Geschöpfen Genuss zu bereiten, wurde uns das Verlangen zu empfangen für uns selbst eingeprägt.

Wenn wir im Geben arbeiten wollen, also nicht empfangen wollen, widerspricht dies den Werken des Schöpfers: Er will, dass wir das Gute empfangen, während wir alle Genüsse zurückweisen.

Das war die Frage des Frevlers Turnus Rufus. Er stellte die Frage des Frevlers und wandte ein: „Was ist euch dieser Dienst?“ Von den Taten des Schöpfers her betrachtet besteht das Ziel doch darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, also das Verlangen zu empfangen zu gebrauchen. Denn der Schöpfer will, dass die Unteren das Gute und den Genuss empfangen; das bedeutet, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Die Geschöpfe aber handelten, kehrten das Verlangen zu empfangen um und wollen nur mit dem Verlangen zu geben (Razon lehashpia) arbeiten. Das nennt man Werke von Menschen. Denn das Werk des Schöpfers besteht darin, dass die Unteren empfangen, während ihr sagt, man darf nicht für sich selbst empfangen.

Darauf antwortete ihm Rabbi Akiwa: „Die Werke von Menschen sind schöner.“

Turnus Rufus fragte: „Kann denn ein Mensch etwas wie Himmel und Erde erschaffen?“ Er meinte: Wenn die Werke von Menschen schöner sind und es sich lohnt, einen Weg einzuschlagen, der dem Schöpfungsziel entgegengesetzt ist, wie verhält es sich dann mit Himmel und Erde? Sie bezeichnen die höheren Welten, also das Höhere Licht – die Füllung, welche die Gefäße erfüllt. Können Menschen etwa Höheres Licht erschaffen, das Fülle und Genuss heißt?

Rabbi Akiwa erwiderte: „Sprich mit mir nicht über etwas, das über den Geschöpfen steht und worüber sie keine Macht haben.“ Denn Licht und Genuss bestanden schon vor der Schöpfung. Das heißt „Existierendes aus Existierendem“. Darüber haben wir keinerlei Macht. Unsere Macht beginnt erst am Ort der Schöpfung, also beim Verlangen zu empfangen.

Ich kann daher nur von den Gefäßen sprechen, nicht von den Lichtern. Hinsichtlich der Gefäße sind unsere Gefäße schöner als jene, die vom Schöpfer ausgehen und „Verlangen zu empfangen“ heißen.

Da fragte er Rabbi Akiwa hinsichtlich der Gefäße: „Warum beschneidet ihr euch?“ Die Beschneidung bedeutet, die Vorhaut zu entfernen. Baal HaSulam erklärte, dass die Vorhaut für das Entfernen des Verlangens zu empfangen steht. Obwohl der Mensch mit einem Verlangen zu empfangen erschaffen wurde, muss er daran arbeiten, dieses Verlangen von sich zu entfernen und an seiner Stelle ein Verlangen zu geben anzunehmen.

Das nennt man Werke von Menschen, wie geschrieben steht: „Alles liegt in den Händen des Himmels außer der Ehrfurcht (Jira) vor dem Himmel.“ Baal HaSulam erklärte: Vom Schöpfer kommt nur die Füllung des Mangels. Der Schöpfer gibt Fülle und Genuss; dies wird „Seinen Geschöpfen Gutes tun“ genannt. Die Ehrfurcht vor dem Himmel dagegen heißt Korrektur: Man empfängt nicht, damit man sich nicht von der Angleichung der Form trennt, die Anhaftung genannt wird. Dies kommt vom Unteren.

Daraus wird deutlich: Das Licht der Korrekturen, Or Chassadim (Licht der Gnaden), kommt nur infolge des Erwachens des Unteren, der sich korrigieren und wie die Wurzel ebenfalls zu einem Gebenden werden will.

Rabbi Akiwa brachte ihm Ähren und Gebäck. Daran erkennen wir, dass die Werke der Menschen schöner sind. Er zeigte ihm: Auch im Gebäck sind die Ähren enthalten, doch nun haben sie durch zusätzliche Handlungen des Unteren eine Korrektur erfahren. Dies bedeutet Empfangen, um zu geben.

Darauf fragte Turnus Rufus: „Wenn Er die Beschneidung will, warum kommt das Kind dann nicht beschnitten aus dem Leib seiner Mutter?“ Das heißt: Warum wird der Mensch nicht von Anfang an mit einem Verlangen zu geben erschaffen, sondern muss sich später sehr anstrengen, um die Eigenschaft des Gebens zu erwerben?

Rabbi Akiwa antwortete: „Warum kommt seine Nabelschnur mit ihm heraus, hängt an seinem Bauch, und seine Mutter schneidet sie durch?“ Denn selbst um das Verlangen zu empfangen zu erwerben, sind Handlungen der Unteren nötig. Bevor der Embryo in die Welt trat, galt er als Teil des Körpers seiner Mutter und aß, was sie aß. Er hatte keinerlei eigene Verfügungsgewalt, nicht einmal über das Verlangen zu empfangen. Er hatte keine Wahl; alles stand für ihn unter der Macht des Höheren.

Wenn er in die Welt tritt, also in die eigene Verfügungsgewalt gelangt, wird durch das Durchtrennen seiner Verbindung mit der Mutter das Verschlossene geöffnet und das Offene verschlossen. Erst durch die körperliche Ernährung bis zum dreizehnten Lebensjahr erwirbt er das Verlangen zu empfangen in seiner ganzen Ausprägung.

Danach kommt die Beschneidung, eine Handlung, durch die man das Verlangen zu geben erwirbt. Deshalb sagte Rabbi Akiwa, dass der Schöpfer Israel die Mizwot nur gegeben hat, damit sie sich durch sie läutern.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Psalm 18:31. ↩