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720. Wer den Verstand mehrt, mehrt den Schmerz

Wir sehen: Solange der Mensch noch klein und nicht erwachsen ist, schöpft er aus jedem einzelnen Ding Leben und Genuss. Alles, was ihm in die Hände fällt, bewegt ihn, und er zieht daraus entweder Gutes – das heißt, er liebt den Gegenstand und sehnt sich danach, mit ihm zu spielen – oder Schlechtes: Er fürchtet sich vor dem Gegenstand und hält sich von ihm fern.

An diesen beiden Erfahrungen wächst er, dehnt sich aus und steigt immer höher, bis er innerhalb einer kurzen Zeit – in etwa siebzehn oder zwanzig Jahren – heranwächst und zu einem hohen Baum von ungefähr einem Meter sechzig oder einem Meter achtzig wird.

Wenn er dann erwachsen ist, hat er bereits Verstand erlangt. Er besitzt nun die Einsicht, jedes einzelne Ding danach zu beurteilen, ob es sich lohnt, es anzunehmen oder zurückzuweisen. Selbst wenn es sich lohnt und er schon Verlangen danach hat, muss er sich wegen äußerer Umstände davon fernhalten. Als Kind war er noch keinen äußeren Verpflichtungen unterworfen, sondern tat, wonach ihm das Herz stand.

Daher fällt es ihm schwer, Leben und Genuss zu finden. Nicht allem kann er sich zuwenden; im Gegenteil, das meiste muss er von sich fernhalten, weil der Verstand ihn erkennen lässt, dass diese Dinge nicht zu seiner Persönlichkeit passen. So fehlt ihm das Brot. Im Erwachsenenalter kann sich der Baum nicht mehr in die Länge und Breite ausdehnen. Er ist schon froh, wenn er sich halten kann und nicht verliert, was er zuvor besaß.

Als Kind hatte er Verlangen und Lust auf alles; er war bereit, aus allem Leben und Genuss zu ziehen. Deshalb sehen wir, dass ein Kind immer nach neuen Dingen verlangt. Solange es etwas noch nicht bekommen hat, versucht es alles Mögliche – es bittet oder schreit –, nur damit man ihm den Gegenstand gibt. Doch sobald es ihn bekommen hat, wirft es ihn fort und will etwas Neues.

Im Erwachsenenalter hingegen prüft der Mensch jedes seiner Verlangen: Lohnt es sich, dafür Mühe aufzuwenden und es anzunehmen, oder sollte er darauf verzichten?

In Wahrheit lohnt es sich nicht, seine Kräfte für materielle Dinge einzusetzen. Sobald er daher beginnt, darüber Rechenschaft abzulegen, fehlt ihm sofort das Werkzeug zur Arbeit, und er verfolgt sie nicht weiter. Woher aber soll er die Lebenskraft (Chajut) nehmen, durch die er wachsen kann?

Wie ein Baum jeden Tag neue Nahrung braucht und ohne sie vertrocknet und stirbt, so muss auch der Mensch materielle Nahrung erhalten, um seine Körperlichkeit zu versorgen. Ebenso muss er seine Spiritualität nähren.

Daraus folgt: Je mehr sein Verstand wächst, desto mehr Spiritualität braucht er. Dann „mehrt er den Schmerz“, denn es fällt ihm schwer, ständig eine so kostbare Nahrung wie die spirituelle zu erlangen.

Selbst wenn ihm etwas Gedankliches in den Sinn kommt und er meint, daran Freude zu haben, gelingt es ihm nicht immer, alles, was er gesehen und gehört hat, in seinen Verstand aufzunehmen, sobald er es mit seinem Intellekt zu prüfen beginnt. Denn er besitzt bereits die Kraft der Kritik.

Je stärker seine Kritik wird, desto mehr leidet er, weil er zum Sklaven seines Intellekts wird. Er kann nichts annehmen, bevor der Intellekt es ihm erlaubt; ohne dessen Zustimmung darf er nichts tun. Je mehr also der Intellekt wächst, desto stärker wird die Kritik. Daher: „Wer den Verstand mehrt, mehrt den Schmerz!“

Dann fällt es ihm schwer, Nahrung zu erlangen, denn der Mensch hat mit seinem Intellekt eine gegenseitige Vereinbarung getroffen: Er darf nichts ohne dessen Zustimmung tun. Verstößt er gegen diese Vereinbarung, beendet der Verstand sofort seine Partnerschaft mit dem Menschen, zieht sich zurück und geht fort.

Möglicherweise deuteten unsere Weisen dies mit den Worten an: „Keiner ist reicher als das Schwein (chasira), und keiner ärmer als der Hund.“ Im Kindesalter kehrt der Mensch ständig zu seinen Handlungen zurück (choser), weil er keinerlei Kritik besitzt. Selbst wenn er bereits zu dem Schluss gekommen ist, dass er bestimmte Dinge nicht tun soll, kehrt er dennoch zu dem zurück, was er sich verboten hat. Deshalb ist er immer reich: Minderwertige Nahrung lässt sich auf dem Markt jederzeit finden.

Anders ist es beim Hund: Wenn der Mensch einen Hund (kelev) hat, besitzt er bereits ein Herz (lev), das jedem Ding Aufmerksamkeit schenkt. Unsere Weisen sagten: „Die Herzen der Gerechten liegen in ihrer Hand.“ Das heißt, sie besitzen ein Herz, wie geschrieben steht: „Und jeder, der weisen Herzens ist“, usw. Dann kann der Mensch nicht aus jedem Ding Genuss und Fülle schöpfen. Vielmehr muss er alles zuerst erwägen und erst danach entscheiden.

Möglicherweise deuteten sie dies mit den Worten an: „Nicht den Weisen gehört das Brot.“ Das heißt, sie sind arm, weil sie nicht aus allem Genuss empfangen können. Für alle Dinge gelten bei ihnen Einschränkungen: Alles muss unter der Rute der Kritik hindurchgehen.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026