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798. Der Vorzug des Kleinen

Unterricht zu Rosh Chodesh Menachem Aw 5710 [15. Juli 1950], Tel Aviv

„Der dich mit Gutem sättigt“ (adjech). Das bedeutet: Der Schöpfer gibt dem Menschen so viel Fülle, bis dieser von der Güte des Schöpfers gesättigt ist. Dann wird der Mensch zum „Zeugen“ (ed) für die Eigenschaft des Schöpfers, die „gut und Gutes tuend“ genannt wird; denn das hebräische Wort adjech wird hier mit ed (Zeuge) in Verbindung gebracht und im Sinne von Zeugnis gedeutet. Somit sind die Wohltaten selbst das Zeugnis. Und wenn du fragst, warum nicht die Allgemeinheit all diese Wohltaten empfängt, sondern nur wenige Auserwählte würdig sind, die Fülle zu empfangen:

Es gibt verschiedene Arten von Menschen: solche, die im Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) stehen, und solche, deren Absicht auf das Geben gerichtet ist. Der Unterschied zwischen ihnen reicht von einem Ende bis zum anderen. Denn bekanntlich ist das ganze Kli (Gefäß), mit dem das Gute empfangen wird, Lob und Dank.

Je mehr der Mensch dieses Gefäß durch ein solches Verlangen erweitert, desto mehr kann er den Geschmack der Fülle empfinden. Die Fülle selbst gleicht einem großen Meer. Der eine schöpft daraus mit einem Fingerhut, der andere mit einem Eimer und so weiter – alles bemisst sich nach dem Gefäß.

Wenn wir sagen, dass Lob und Dank das Gefäß sind, dann deshalb, weil sich der Dank nach dem Empfinden richtet. Überwindet sich der Mensch, sobald er die Rettungen des Schöpfers spürt, und bringt Lob und Dank dar, so erhält er dadurch die Fülle und zieht sie mit noch größerer Kraft heran. Durch den Dank prägt sich der Geber der Fülle in all seinen Gliedern ein. Je deutlicher er empfindet, wer der Geber ist, desto weiter wird sein Gefäß für den Empfang der Fülle.

Das gilt nur für einen Gebenden und nicht für einen Empfangenden. Denn der Empfangende betrachtet den Schöpfer als jemanden, der ihm etwas schuldet. Wer einem etwas schuldet, dem bringt man weder Lob noch Dank entgegen. So ist die Natur: Ein Sohn pflegt seinem Vater nicht zu danken.

Anders ist es bei einem fremden Menschen, der seinem Freund etwas Gutes tut: Dann lobt und preist ihn sein Freund. Je größer die Entfernung, desto größer ist der Dank. Denn je näher ihm jemand steht, desto eher betrachtet er diesen als verpflichtet, ihm zu geben. Wer ihm dagegen fernsteht, dem fühlt er sich wegen der erwiesenen Wohltat umso mehr verpflichtet. So kehrt sich das Verhältnis um: Der andere verpflichtet ihn dazu, jenen zu loben und zu preisen.

Bei einem Empfangenden führt alles, was man ihm gibt, dazu, dass er den Schöpfer als ihm verpflichtet ansieht. Es ist wie bei jemandem, der seinem kleinen Sohn jeden Tag einen Groschen gibt.

Später erwacht im Vater die Liebe zu seinem Sohn, und er möchte ihm Gutes tun. Deshalb gibt er ihm fünf Groschen. Der Kleine sieht, dass er heute ein größeres Geschenk von seinem Vater erhalten hat. Natürlich ist er davon beeindruckt und möchte dem Vater dafür danken. Will der Vater ihm danach jedoch wieder wie gewohnt einen Groschen geben, wird der Sohn zornig auf ihn, weil er jetzt weniger bekommen hat.

Der Zuschlag, den er gestern erhielt, hat den Sohn dem Vater also nicht nähergebracht. Im Gegenteil: Durch das Mehr an Gutem hat er sich von ihm entfernt, weil er seinen Vater nun als verpflichtet ansieht. Deshalb verlangt der Kleine, dass der Vater jeden Tag mehr gibt. Tut er das nicht, gelten all seine Geschenke dem Sohn nichts. Beim Empfangenden ist es, wie unsere Weisen sagten: „Kein Mensch stirbt mit der Hälfte seines Verlangens in der Hand“, denn wer einhundert hat, will zweihundert.

Bei einem Gebenden dagegen kann man nicht sagen, dass der Schöpfer ihm gegenüber zu etwas verpflichtet wird. Daher kann er Ihn immer loben und preisen. Gibt Er ihm zuweilen ein größeres Geschenk, bringt der Mensch Ihm noch größeren Lobpreis dar, weil er weiß, dass er keinerlei Verdienst besitzt, aufgrund dessen der Schöpfer ihm geben müsste. Bei allem, was er empfängt, besteht seine Absicht nur darin, dass daraus noch größerer Lobpreis für den Schöpfer erwächst.

Daraus verstehen wir, was unsere Weisen sagten: „An dem Ort, an dem diejenigen stehen, die Umkehr (Teshuwa) vollzogen haben, können vollkommen Gerechte nicht stehen.“

Bekanntlich kann niemand ein vollkommen Gerechter sein, ohne zuvor zur Umkehr gekommen zu sein, denn „als Wildeselfohlen wird der Mensch geboren“. Sicherlich hat er also Umkehr vollzogen. Als er zur Umkehr kam und der Schöpfer seine Umkehr annahm, empfand er gewiss seine Kleinheit. Damals spürte er besonders stark, wie sehr er den Schöpfer loben und preisen sollte, denn er sah: „Aus dem Schmutz erhebt Er den Bedürftigen.“

Nachdem jedoch einige Tage vergangen sind, sieht er, dass er bereits ein vollkommen Gerechter ist. Und das entspricht auch der Wahrheit: Er ist ein vollkommen Gerechter. Nun fehlt ihm jedoch das Empfinden seiner Niedrigkeit, das er während der Umkehr besaß. Dadurch werden sein Lob und sein Dank geringer. Somit ist er jetzt kleiner als die Menschen der Umkehr, das heißt, kleiner als er selbst zuvor war. Vielleicht ist dies die Bedeutung der Worte: „Wer groß ist, ist klein, selbst wenn er wirklich groß ist.“

Das ist die Bedeutung von „Denn der Ewige ist hoch, und den Niedrigen sieht Er“. Es besteht also ein Verlangen, sich mit etwas Kleinem zu verbinden. Denn etwas Kleines zu schaffen, das einem Großen gleicht, ist etwas Wunderbares. Selbst in der materiellen Welt sehen wir, dass kleine Dinge, die großen gleichen, einen höheren Wert besitzen. Daher besteht ein höheres Verlangen, sich mit den Kleinen zu verbinden. Selbst wenn ein Mensch daher zu einem großen Gerechten wird, bedeutet das nicht, dass der Mensch groß geworden ist, sondern dass der Schöpfer für den Gerechten groß geworden ist.

Wenn sich der Mensch daher stolz erhebt, sagt der Schöpfer zu ihm: „Wenn Ich Große brauche, habe Ich oben noch Größere.“

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026