819. Das Ausleihen von Gefäßen
Warum erschrak Isaak? Er sagte: „Welche Sünde habe ich begangen, dass ich den Jüngeren vor dem Älteren gesegnet und die Reihenfolge der Verwandtschaft verändert habe?“ Esau begann zu schreien: „Er hat mich nun zweimal überlistet.“ Sein Vater sagte zu ihm: „Was hat er dir getan?“ Er antwortete: „Er hat meinen Segen genommen.“ Da sagte Isaak: „Deshalb war ich bekümmert und erschrocken, weil ich fürchtete, gegen die Rechtsordnung verstoßen zu haben. Nun aber habe ich den Erstgeborenen gesegnet; er soll auch gesegnet sein.“1
Daraus geht hervor, dass Isaak Esau wegen des Erstgeburtsrechts segnete. Daher ist zu verstehen, warum Jakob seinen Vater täuschen und sich als Esau ausgeben musste. Er hätte ihm sagen können, dass ihm die Segnungen aufgrund des Erstgeburtsrechts zustehen. Der Ramban erklärt zum Vers „Und Esau verachtete das Erstgeburtsrecht“, dass Jakob deshalb zu Isaak sagte: „Ich bin dein erstgeborener Sohn.“ Er wollte damit sagen, dass er der Erstgeborene war, der es verdiente, gesegnet zu werden.
Ebenso ist die Aussage zu verstehen: „Und Isaak liebte Esau, denn Wildbret war in seinem Mund.“ Warum wird gerade „in seinem Mund“ betont? Mein Vater und Lehrer, Baal HaSulam, erklärte, warum Isaak Esau segnen wollte: Man kann einem Menschen, der keinen Mangel daran hat, nichts Spirituelles geben. Andernfalls bringt das Spirituelle dem Menschen keinen Segen, sondern einen Fluch.
Ein Segen bedeutet, dass sich der Zustand eines Menschen verbessert, wächst und erweitert, sodass er immer höher aufsteigen und zur gewünschten Vollkommenheit gelangen kann. Wenn man einem Menschen dagegen etwas Spirituelles gibt, ohne dass er über Gefäße verfügt, um es zu empfangen – das heißt, ohne dass er ein Bedürfnis danach hat –, bringt ihm dies nur Nachteile, also das Gegenteil eines Segens.
Jakob war ein glatter Mann, wie geschrieben steht: „Ich aber bin ein glatter Mann“, also ohne jeden Mangel. „So brächte ich Fluch und nicht Segen über mich … Seine Mutter sagte zu ihm: … Höre nur auf meine Stimme.“ Esau dagegen war ein behaarter Mann. Das Wort Searot („Haare“) ist mit Seara („Sturm“) verwandt, das heißt mit Mängeln; denn ein Mangel kann einen Sturm auslösen.
Daher hatte gerade Esau die Gefäße, um die Segnungen zu empfangen, Jakob hingegen nicht. Rebekka gab Jakob einen Rat: Er zog Esaus kostbare Kleider an. Rashi erklärt, dass Esau sie von Nimrod begehrt hatte; diese Kleider hatten also Nimrod, dem Frevler (Rasha), gehört.
Esau hatte Nimrod diese Gefäße abgenommen. Rebekka legte Jakob außerdem die Felle der Ziegenböckchen über seine glatten Stellen. Das heißt, er kleidete sich in Esaus Verlangen ein. Dadurch hatte er bereits einen Ort des Mangels, an dem er die Segnungen empfangen konnte.
Daraus können wir auch erklären, warum Isaak sich beruhigte, als Esau kam und sagte: „Er hat mich nun zweimal hintergangen“, womit er meinte: „Auch mein Erstgeburtsrecht hat er mir genommen.“ Isaak beruhigte sich darüber, dass er den Jüngeren gesegnet hatte. Bevor er wusste, dass Jakob der Erstgeborene war, dachte er nämlich, Jakob habe im Grunde keinen Ort des Mangels und daher keine Verbindung zu den Segnungen.
Nachdem Isaak aber durch Esau erfahren hatte, dass Jakob ihm das Erstgeburtsrecht abgenommen hatte, sah er, dass Jakob selbst versucht hatte, Gefäße zu erlangen, damit er einen Ort zum Empfangen der Segnungen hätte; denn er hatte sich bemüht, sie durch den Erwerb des Erstgeburtsrechts zu finden.
Daher sagte Isaak: „Er soll auch gesegnet sein.“ Nun war Jakob für die Segnungen geeignet. Doch vor der Korrektur durch das Ausleihen von Esaus Gefäßen reichte der Erwerb des Erstgeburtsrechts allein noch nicht aus, um die Segnungen zu empfangen. Deshalb hätte es nichts genutzt, seinem Vater zu sagen, dass er das Erstgeburtsrecht von Esau besaß; denn das war erst der Anfang der Bildung der Gefäße.
Durch das Ausleihen von Esaus Gefäßen hatte Jakob bereits passende Gefäße. Das ähnelt dem Ausleihen der Gefäße der Ägypter, wie geschrieben steht: „Und eine Frau soll von ihrer Nachbarin erbitten.“ Auch das Volk Israel musste sich einen Ort des Mangels ausleihen, um die Mochin (spirituellen Erkenntnislichter) des großen Besitzes empfangen zu können – so wie Jakob hier Esaus Kleider auslieh.
Man kann das Ausleihen der Gefäße anhand eines Bildes verstehen. Denn es gilt die Regel: Man kann keine Antwort geben, wenn man die Frage nicht hat. Jakob hatte keinerlei Fragen. Daher lieh er sich die Fragen von Esau aus, um dadurch die Antworten heranzuziehen. Sofort danach gab er Esau jedoch alle Fragen zurück. Wer versteht, dem genügt dies.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Midrash Tanchuma. ↩