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815. Komm

„Komm zum Pharao, denn Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verhärtet, um diese Meine Zeichen in seiner Mitte zu setzen.“

Die Kommentatoren fragten zu den Worten „denn Ich habe verhärtet“: Wenn der Schöpfer ihm die Verhärtung des Herzens auferlegt, ihm also die Kraft der Wahl genommen hat, worin liegt dann seine Schuld?

Ebenso fragten sie nach der Formulierung „Komm zum Pharao“. Es hätte „Geh zum Pharao“ heißen müssen, denn „komm“ bedeutet, dass wir gemeinsam gehen, also dass der Schöpfer gemeinsam mit Moses geht.

Um das Obige zu verstehen, wollen wir zunächst betrachten, was geschrieben steht: „Unsere Weisen lehrten: Der Mensch soll sich immer so sehen, als wäre er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte unschuldig. Hat er eine Mizwa erfüllt, glücklich ist er, denn er hat die Waagschale für sich zur Seite des Verdienstes geneigt.“1

Dazu ist zu fragen:

1) Wie kann der Mensch sagen, er sei zur Hälfte und so weiter, während er von sich weiß, dass er mehr Verfehlungen als Mizwot hat?

2) Zu „Hat er eine Mizwa erfüllt“ sagten sie, er habe die Waagschale für sich zur Seite des Verdienstes geneigt. Zugleich sagten sie „immer“. Das bedeutet, dass er sich auch dann, nachdem er die Waagschale für sich zur Seite des Verdienstes geneigt hat, so sehen muss, als wäre er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte unschuldig. Wie kann man das sagen, nachdem er bereits eine Mizwa erfüllt hat?

3) Wenn er von sich weiß, dass er viele Verdienste und wenige Verfehlungen hat, wie muss er dann sagen, er sei zur Hälfte schuldig und zur Hälfte unschuldig?

Unsere Weisen sagten: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Böser Trieb (Jezer haRa) ist größer als er selbst.“2 Dazu ist zu fragen: Warum verdient er eine so große Strafe? Wenn er groß ist, gibt man ihm einen schlimmeren Bösen Trieb als einem kleinen Menschen.

Unsere Weisen wollen uns damit den Weg in der Arbeit für den Schöpfer weisen und dem Menschen Ratschläge (Ejtin) geben, wie er sich der Herrschaft des Bösen Triebs entziehen kann.

Deshalb lehrten sie uns, dass der Mensch nicht sagen soll: Da ich wenige Verdienste und viele Verfehlungen habe, liegt es nicht mehr in meiner Hand, den Ausschlag zu geben und von nun an den guten Weg einzuschlagen. Denn er sieht, dass er unter der Herrschaft des Bösen steht, da er viele Verfehlungen und wenige Verdienste hat. Er prüft sich selbst und kommt zu dem Schluss, dass all dies daher rührt, dass er mit schlechten Eigenschaften geboren wurde und keinen Weg hat, sich der Herrschaft des Bösen zu entziehen.

Denn die Wahl, die dem Menschen gegeben wurde, um die Waagschale zur Seite des Verdienstes zu neigen, betrifft gerade denjenigen, bei dem die Kräfte des Guten und des Bösen gleich sind. Dann kann er den Ausschlag zum Guten geben. Bei wem das Böse jedoch größer ist als das Gute, liegt es nicht mehr in seiner Hand, den Ausschlag zu geben.

Darüber sagten unsere Weisen: „Der Mensch soll sich immer so sehen, als wäre er zur Hälfte schuldig.“ Dies entspricht dem Ausspruch: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Böser Trieb ist größer als er selbst.“ Denn wenn jemand groß geworden ist und das Böse in ihm so bleibt wie vor seinem Wachstum, hat er viel Gutes und wenig Böses. Unter diesen Umständen ist keine Wahl möglich. Denn so, wie keine Wahl besteht, wenn das Böse größer ist als das Gute, besteht auch keine Wahl, wenn das Gute größer ist als das Böse.

Wer also groß ist, wessen gute Eigenschaft also groß ist, dessen Böses muss man vom Himmel her vergrößern, damit es genau dem Maß des Guten entspricht. Wenn beide gleich sind, besteht die Möglichkeit der Wahl.

Daraus folgt: Wenn der Mensch sieht, dass sein Gutes äußerst gering ist, muss er wissen, dass auch sein Böses äußerst gering ist.

Obwohl er von sich weiß, dass er bereits viele Verfehlungen begangen hat, muss er dennoch wissen, dass man vom Himmel her das Böse in ihm auf ein geringes Maß verkleinert hat, weil auch das Gute in ihm kleiner geworden ist. Dies geschieht, damit er die Möglichkeit der Wahl hat. Für die vielen schlechten Taten, die er begangen hat, gibt es Korrekturen – durch die Hölle oder durch Umkehr (Teshuwa) aus Ehrfurcht (Jira) oder aus Liebe.

Was jedoch seine Taten von nun an betrifft, gibt es Korrekturen, die das Böse verkleinern, damit es nicht größer ist als das Gute und er die Kraft der Wahl besitzt.

Daraus folgt, dass sich der Mensch immer mit der Wahl befassen kann. Bevor er eine Mizwa erfüllt hat, ist die Herrschaft des Bösen nicht stärker als die Herrschaft des Guten, obwohl er viele schlechte Taten begangen hat. Nachdem er eine Mizwa erfüllt und die Waagschale zur Seite des Verdienstes geneigt hat, vergrößert man sein Böses. Das bedeutet, dass man dem Bösen die Kraft gibt, im gleichen Maß wie das Gute zu herrschen. So befindet er sich auch dann in einem Zustand, in dem beide Seiten gleich sind.

Damit verstehen wir den Vers „Komm zum Pharao, denn Ich habe sein Herz verhärtet“. Nachdem der Pharao die Waagschale bereits zur Seite des Verdienstes geneigt und gesagt hatte: „Der Ewige ist gerecht“, war er bereits groß und hatte daher keinen Raum mehr für die Wahl. Deshalb musste der Schöpfer sein Herz verhärten, also sein Böses vergrößern, denn nur so konnte Raum für die Wahl entstehen.

Daraus folgt, dass ihm durch die Verhärtung des Herzens die Kraft der Wahl nicht genommen wurde. Im Gegenteil: Gerade dadurch erhielt er Raum, eine Wahl zu treffen.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Kiddushin 40b. ↩

  2. Sukkah 52a. ↩