809. Vollkommenheit im Leben
„Kein Mensch stirbt und hat dabei auch nur die Hälfte dessen erlangt, wonach er verlangt.“ „Wer hundert hat, will zweihundert.“
Es stellt sich die Frage: Wie ist es im Spirituellen? Gibt es auch dort keine Vollkommenheit im Leben, sondern lebt man immer mit einem Mangel?
Der Mensch empfindet jedoch keinen solchen Mangel am Spirituellen, dass er sagt: „Ohne dies kann ich nicht leben.“ Der Mangel, den er in sich selbst empfindet – dass er Genuss empfangen muss –, wird durch materielle Dinge gestillt, nämlich durch Nahrung, die für die ganze Welt im Überfluss vorhanden ist. Denn der Schöpfer hat sie uns bereitet, damit wir durch sie in der Welt bestehen können.
Da das Verlangen, Gutes zu tun, uns verpflichtet, Genuss zu empfangen, stillen wir den Mangel an Genuss mit materiellen Genüssen. Diese sind – wie etwa Nahrung – nicht besonders teuer; um sie zu erwerben, müssen wir uns also nicht allzu sehr anstrengen.
Erst wenn der Mensch sich mit allen materiellen Genüssen erfüllt hat, wenn es also keinen Mangel mehr gibt, den er nicht gestillt hat, und in ihm kein Mangel und keine Sehnsucht nach Materiellem zurückbleiben, hat er, wie gesagt, weder Lebenskraft (Chajut) noch Genuss. Denn nur Mangel und Sehnsucht verleihen einer Sache Geschmack. Dann beginnt er zu spüren, dass es sich lohnt zu prüfen, ob vielleicht im Spirituellen Lebenskraft und Genuss zu finden sind.
Manchmal gibt es auch einen äußeren Faktor, der ihm den Mangel und die Sehnsucht nach Materiellem nimmt. Dann hat er ebenfalls nichts, woraus er Genuss ziehen kann. Deshalb muss er sich dem Spirituellen zuwenden; vielleicht kann er daraus ein wenig Genuss schöpfen.
Dieser Faktor entsteht manchmal dadurch, dass man die Eigenschaften der Urväter erbt, die diese Genüsse annulliert hatten; manchmal durch ethische Unterweisung; und manchmal dadurch, dass Menschen das Licht der Tora gekostet und erkannt haben, dass es sich nicht lohnt, ihren Mangel und ihr Verlangen auf diese Genüsse zu richten. Und obwohl sie nun den Geschmack der Tora nicht mehr empfinden, haben sie doch ein Leuchten empfangen, wenn auch nur für den Augenblick. Dadurch verabscheuen sie bereits die materiellen Genüsse und verspüren nun ein Bedürfnis nach dem Spirituellen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026