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776. Das Unbelebte der Heiligkeit

Rosh HaShana (jüdisches Neujahrsfest) 5719 [16. September 1958]

Es gibt eine unbelebte Stufe der Heiligkeit (Kedusha) und eine pflanzliche Stufe usw. Als „unbelebt“ gelten all jene Dinge, die man durch Erziehung übernimmt. „Pflanzlich“ heißt, dass der Mensch Dinge auf sich nimmt, die er seit der Zeit seiner Erziehung nicht hatte.

Der Unterschied besteht darin, dass der Mensch alles, was er durch Erziehung übernimmt, keiner kritischen Prüfung unterzieht. Mehr noch: Mangels einer solchen Prüfung können zwei Gegensätze in ein und demselben Gegenstand bestehen. Nimmt er dagegen Dinge auf sich, die ihm nicht durch Erziehung vermittelt wurden, prüft er sie bereits kritisch und kann nicht zwei Gegensätze in ein und demselben Gegenstand annehmen.

Der Grund ist: Sobald der Mensch etwas Neues tun will, stellt sich die Frage: „Warum tue ich das? Wer verpflichtet mich dazu, und welchen Nutzen habe ich davon?“ Ebenso fragt er: „Zu wessen Nutzen tue ich es?“ Denn er kann nur handeln, wenn sein Verstand ihn dazu verpflichtet; andernfalls genügt ihm, was er seit seiner Erziehung übernommen hat.

Aber gerade dann, also wenn er neue Dinge annimmt, braucht er Glauben. Und umgekehrt: Glaube gewinnt überhaupt erst dadurch Bedeutung, dass er die Dinge nun kritisch prüft. Dabei treten immer Widersprüche auf, und er kann nichts annehmen außer durch die Kraft des Glaubens. Anders ist es bei dem, was aus der Erziehung stammt: Da er es nicht kritisch prüft, braucht er den Glauben nicht in hohem Maß, denn er ist es gewohnt, all diese Dinge allein aus Gewohnheit zu tun.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026