29. Der Schöpfer betrachtete ihre Taten
„Der Schöpfer betrachtete die Taten der Gerechten und die Taten der Bösen, und man weiß nicht, welche von ihnen der Schöpfer will.“ Wenn es heißt: „Und der Ewige sah, dass das Licht gut war, und schied“1, so bedeutet dies: die Taten der Gerechten.
Man muss verstehen, wie es möglich ist, daran zu zweifeln und zu sagen, man weiß nicht, was der Schöpfer will. Könnte man etwa meinen, der Schöpfer wolle die Taten der Frevler?
Nach der erläuterten Regel gilt: Solange der Mensch noch nicht aus der Eigenliebe herausgetreten ist und das Verlangen zu empfangen ihn noch beherrscht, sieht er bei allen guten Taten, die er vollbringt, dass sein Körper damit nicht einverstanden ist, wenn er mit der Absicht zu geben handeln will. Denn dies widerspricht der Natur des Körpers.
Daher kostet ihn jede einzelne Handlung, die er in Tora und Mizwot vollbringt, große Anstrengung, weil das Böse in seinem Inneren sich ihr widersetzt. Dieser Zustand heißt „Taten der Bösen“, denn das Böse befindet sich noch in ihm und überwältigt ihn Tag für Tag.
Wenn er später jedoch würdig wird, das Böse in seinem Inneren zu korrigieren, und zu einem Gerechten wird, vollbringt er seine Taten ohne Anstrengung. Denn das Böse in ihm widersetzt sich nicht mehr seiner Absicht, alle seine Taten mit der Absicht zu geben auszuführen. Dann erfüllt sich: „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen lieben“ – mit deinen beiden Trieben.2 Daher heißen seine Taten „Taten der Gerechten“.
Dann stellt sich die Frage: Was will der Schöpfer? Will Er, dass der Mensch sich anstrengt und jedes Mal noch mehr Mühe aufbringen muss? Dann zeigt der Mensch seine Anstrengung, das heißt, er tut, was er kann. Bei den Taten der Gerechten dagegen hat er keinerlei Anstrengung mehr; dieser Zustand heißt Ruhe der Seele.
Die Frage lautet also: Will der Schöpfer die Arbeit, bei der sich der Mensch anstrengt, oder die Arbeit der Gerechten, obwohl er dabei keine Anstrengung mehr hat? Im Sohar steht: „An einem Ort, an dem es Mühe gibt, befindet sich die Sitra Achra (andere Seite).“3 Solange der Mensch das Böse in seinem Inneren noch nicht so korrigiert hat, dass es gut wird, hat er also Anstrengung.
Deshalb wird der Beweis aus dem Vers angeführt: „Und der Ewige sah das Licht und schied.“4 Das bedeutet: die Taten der Gerechten. Denn aus der Sicht des Schöpfers besteht das Ziel darin, dass die Geschöpfe den Schöpfungsgedanken erlangen: Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Da dies jedoch ohne Gleichheit der Form nicht erreicht werden kann, hat der Mensch Anstrengung, wenn er sich mit der Übereinstimmung der Form beschäftigt. So verhält es sich aus der Sicht des Schöpfers. Aus der Sicht des Menschen dagegen muss er sich immer nach einem Zustand der Anstrengung sehnen.
Wenn der Mensch daher der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer würdig wird, sodass es keine Sitra Achra mehr gibt und er keine Anstrengung mehr hat, muss er sich nach einem Zustand der Anstrengung sehnen.
Dann kann er sich jedoch nicht mehr anstrengen. Der Rat dafür lautet, wie im Sohar geschrieben steht, dass seine Ehrfurcht aus der vergangenen Zeit stammt.5 Wenn er also keine Arbeit und keine Anstrengung hat, muss er sich nach der Anstrengung aus jener Zeit sehnen, in der er sich im Zustand der Taten der Frevler befand. Dann besitzt er Vollkommenheit.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
-
Vgl. 1. Mose 1:4; Rabash gibt den Gottesnamen im zitierten Wortlaut als HaShem wieder. ↩
-
5. Mose 6:5; zur Auslegung „mit deinen beiden Trieben“ siehe Mishna, Berachot 9:5. ↩
-
Sohar; zitiert nach dem Wortlaut der Rabash-Notiz. ↩
-
Vgl. 1. Mose 1:4; die Rabash-Notiz zitiert hier die verkürzte Form ohne „dass das Licht gut war“. ↩
-
Sohar, „Einleitung in das Buch Sohar“, Teil 1, Punkt 118 im Sulam-Kommentar. ↩