22. Und du, Israel
„Und du, Israel, höre auf die Satzungen und die Rechtssprüche … Ihr sollt dem Wort, das ich euch gebiete, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen, um die Mizwot des Ewigen, eures Gottes, zu bewahren, die ich euch gebiete.“1
Man muss verstehen, was eine Satzung und was ein Rechtsspruch ist. Die Schrift formuliert genau: „Fügt nichts hinzu … und nehmt nichts weg …, was ich euch gebiete.“ In beiden Fällen, sowohl beim Hinzufügen als auch beim Wegnehmen, muss alles genau so sein, wie Er es gebietet.
Es gibt einen Unterschied zwischen denen, die in der Arbeit mit der Absicht zu geben voranschreiten, und denen, die arbeiten, um Lohn zu empfangen.
Wer mit der Absicht zu geben voranschreitet, beginnt die Arbeit jeden Tag von Neuem – sowohl im Mocha (Gehirn) als auch im Herzen – und kann vom „gestrigen Tag, der vergangen ist“2, keinerlei Unterstützung erhalten. Er hat tatsächlich keine andere Wahl, als jeden Tag zu den Grundlagen der Arbeit zurückzukehren, also zu den Gründen, die ihn verpflichten, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen.
Es ist, als müsste er jeden einzelnen Tag mit sich selbst darüber sprechen, dass es sich lohnt, ein Diener des Schöpfers zu sein. Und der Körper fragt ihn jeden Tag, wenn er die Arbeit beginnt: „Nenne mir die Gründe, weshalb du mich zwingst, all meine Kräfte für den Himmel einzusetzen.“ Wenn er fragt, muss man ihm Antworten geben, sonst will er nicht arbeiten. So geht es jeden Tag um dieselben Auseinandersetzungen, dieselben Fragen und dieselben Antworten.
Wenn der Mensch zur Arbeit in Tora, Gebet und guten Taten hingezogen wird und sich nicht an das Ziel der Arbeit erinnert – die Absicht zu geben –, fällt ihm die Arbeit leichter, denn dann folgt er der Allgemeinheit. Doch sobald ihm das Ziel wieder in den Sinn kommt, nämlich Mocha und Herz, „verfinstert sich die Welt für ihn“, weil es dem Körper entgegensteht, der Selbstliebe heißt.
Dann hat er keine Antwort, die er dem Körper geben könnte. Vielmehr ist es eine Satzung: Der Schöpfer will, dass wir Ihm glauben, dass dies zu seinem Wohl ist; dass der Mensch gerade durch die Arbeit in Mocha und Herz seine Vollkommenheit erreichen wird und dann selbst seine Feinde zu seinen Freunden werden. Dies heißt: „Mit deinem ganzen Herzen“3 – mit deinen beiden Trieben, dem Guten Trieb und dem Bösen Trieb (Jezer haRa).
Darüber steht geschrieben: „Fügt nichts hinzu.“ Das bedeutet, an einer Stelle, die gerade über dem Verstand sein muss, nicht noch Vernunft und Verstand hinzuzufügen. Wenn er also versucht, dies innerhalb des Verstandes zu verstehen und zu erfassen, weil er meint, dadurch mehr arbeiten zu können, da der Körper zustimmen wird, wenn er innerhalb des Verstandes versteht, dann heißt dies: „Fügt nichts hinzu.“
Vielmehr muss man an den Schöpfer glauben: Gerade durch Ihn wird der Mensch seine Vollkommenheit erreichen. Dies wird Glaube über dem Verstand genannt.
Beim Rechtsspruch ist es jedoch umgekehrt: Hier muss der Mensch versuchen, die Tora innerhalb des Verstandes zu verstehen. Soweit es ihm möglich ist, muss er sich bemühen, die Tora zu verstehen, die der Schöpfer ihm gegeben hat. Wenn er sieht, dass er die Worte der Tora nicht versteht, muss er seine Gebete und Bitten vermehren. Denn hier geht es darum, „zu verstehen und zu erkennen, zu hören, zu lernen und zu lehren“.4
Hier gilt der zweite Grundsatz: „Nehmt nichts weg.“ Vielmehr soll man gerade die Tora vermehren. Das wird am Beispiel der Tefillin (Gebetsriemen) des Arms erklärt, die Glaube genannt werden, wie geschrieben steht: „Und es sei dir ein Zeichen an deiner Hand.“5 Unsere Weisen deuteten: „Dir ein Zeichen und nicht anderen ein Zeichen.“6 Die Tefillin des Arms müssen also bedeckt sein, weil sie auf den Glauben über dem Verstand hinweisen, der das Königtum des Himmels genannt wird.
Anders verhält es sich mit den Tefillin des Kopfes. Sie weisen auf die Tora hin, die Seir Anpin genannt wird. Über sie deuteten unsere Weisen den Vers: „Und alle Völker der Erde werden sehen, dass der Name des Ewigen über dir genannt ist, und werden dich fürchten.“7 Das sind die Tefillin des Kopfes8; bei ihnen gibt es eine Offenbarung, wie geschrieben steht: „Sie werden sehen.“
Denn die Tora wird Offenbarung genannt. Wenn die Völker der Erde im Menschen die Tora wahrnehmen, die herangezogen wurde, dann gilt: „Sie werden dich fürchten.“ Dann unterwirft sich das Böse, und das Gute herrscht.
Dies wird Rechtsspruch genannt: Ein Rechtsspruch ist Offenbarung, und man darf nichts davon wegnehmen, sondern muss den Verstand in der Tora erweitern. Eine Satzung hingegen ist Verhüllung, also über dem Verstand, und man darf keinen Verstand hinzufügen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026