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25. Zur Aufforderung zum Tischgebet

Bei der Aufforderung zum Tischgebet sagen wir: „Meine Herren, lasst uns segnen.“ Damit treffen wir gleichsam eine Vorbereitung und laden zum Tischgebet ein.

Mein Vater und Lehrer sagte: Wir sehen, dass ein Mensch manchmal einem anderen Gutes tut. Auch wenn er nicht hört, wie derjenige, der das Gute empfängt, ihn segnet, segnet dieser ihn gewiss in seinem Herzen. Und umgekehrt: Wenn jemand einem anderen etwas Böses antut, hört er zwar nicht, wie dieser ihn verflucht, doch sicherlich verflucht dieser ihn in seinem Herzen, denn so ist die Natur.

Wann müssen wir demnach sehen und hören, ob jemand den anderen verflucht oder segnet? Wenn das Böse oder Gute nicht so deutlich erkennbar ist. Dann muss er seine Absicht offenbaren, also zeigen, ob er die Handlung seines Freundes als böse oder als gut empfindet.

Die Tora sagt: „Und du sollst essen und satt werden und segnen.“1 Unsere Weisen lehrten, dass nach der Tora nur eine Mahlzeit, die satt macht, zum Segnen verpflichtet. Die Weisen verschärften die Vorschrift jedoch: Auch nach einer Mahlzeit, die nicht satt macht, muss man segnen.

So lehrten sie über den Vers: „Der Ewige wende dir Sein Angesicht zu.“2 Sie fragten: Es steht doch geschrieben: „Er kennt kein Ansehen der Person und nimmt keine Bestechung an.“3 Darauf antworteten sie: Der Schöpfer sagte: „Und du sollst essen und satt werden und segnen“, sie aber nahmen es strenger auf sich und segnen schon nach der Menge einer Olive und eines Eies.4

Mein Vater und Lehrer erklärte: Die Bedeutung der Olive entspricht den Worten der Taube: „Meine Nahrung soll lieber bitter wie eine Olive aus der Hand des Schöpfers sein als süß wie Honig aus der Hand von Fleisch und Blut.“5

Das Ei wiederum ist so zu verstehen: Wenn wir ein Ei betrachten, sagen wir, dass daraus ein Lebewesen, nämlich ein Küken, hervorgehen kann. Bevor das Küken jedoch geschlüpft ist, befindet sich noch kein Leben im Ei.

Deshalb nahmen die Weisen es strenger auf sich, den Schöpfer zu segnen, obwohl sie noch keinen Geschmack an Tora und Arbeit finden und darin noch keine Lebenskraft (Chajut) empfinden. Dennoch legen sie sich diese Strenge auf. Darum wendet Er ihnen Sein Angesicht zu. Das bedeutet: Die Handlung, die sie unter dieser strengeren Verpflichtung ausführen, gilt so, als hätten sie tatsächlich eine gute Tat vollbracht.

Man muss jedoch verstehen, worin die Antwort besteht: „Wie könnte Ich ihnen Mein Angesicht nicht zuwenden, da sie es strenger auf sich nehmen?“ Dann gleicht die Strenge, die sie sich auferlegen, scheinbar einer Bestechung. Denn indem Er die Bestechung annimmt, handelt Er parteiisch – Er wendet ihnen Sein Angesicht zu. Damit kehrt die Frage an ihren Ausgangspunkt zurück: „Der Allmächtige … kennt kein Ansehen der Person und nimmt keine Bestechung an.“6

Vielmehr muss man sagen: Es gilt Maß für Maß. Ebenso wie sie das, was Ich ihnen gebe, als etwas Gutes bezeichnen, so wende auch Ich ihnen Mein Angesicht zu und bezeichne ihre Handlungen als etwas Gutes. Das heißt, sie verdienen Lohn, als hätten sie gute Taten vollbracht.

Deshalb bedarf es einer Vorbereitung, damit wir segnen können, obwohl der Mensch noch empfindet, dass ihm gute Gaben fehlen.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. 5. Mose 8:10. ↩

  2. 4. Mose 6:26. ↩

  3. 5. Mose 10:17. ↩

  4. Talmud, Traktat Berachot 20b. ↩

  5. Talmud, Traktat Eruwin 18b. ↩

  6. Vgl. Talmud, Traktat Berachot 20b. ↩