31. Wie sehr liebe ich Deine Tora
„Wie sehr liebe ich Deine Tora! Den ganzen Tag ist sie mein Gespräch; mehr als meine Feinde macht sie mich weise.“1
Das hebräische Wort ma kann je nach Zusammenhang „wie sehr“ oder „was“ bedeuten. Es gibt viele Bedeutungen des Wortes „Was“:
1) „Was bedeutet euch dieser Dienst?“2
2) „Was fordert der Ewige, dein Gott, von dir?“3
Diese beiden Fragen mit „Was“ widersprechen einander: Das eine „Was“ handelt von der Entfernung vom Schöpfer, das zweite von der Annäherung an den Schöpfer. Denn „fordert“ – doresh – ist mit der Wendung „erkundigt sich nach deinem Wohlergehen“ verwandt. Doch beide gehören zur Tora. Sie lehren uns nämlich ein und dasselbe, und der Mensch muss daraus für sein Handeln lernen.
Man muss verstehen: Bei „Was fordert der Ewige, dein Gott, von dir?“77 leuchtet uns ein, dass der Mensch lernen und verstehen muss, um zu wissen, was er tun soll. Doch was soll uns die Frage „Was bedeutet dieser Dienst?“ lehren?
Da die Schrift dies sagt, muss der Mensch diesen Zustand zweifellos in all seiner Niedrigkeit empfinden. Doch wozu brauche ich das? Auf den ersten Blick wäre es besser, wenn der Mensch nie in diesen Zustand geriete. Und wenn ihm solche Gedanken kommen, wäre es besser, wenn er sie aus seinem Sinn verdrängte.
Wir sehen, dass es auf die Frage des Frevlers nur die Antwort gibt: „Mache seine Zähne stumpf.“4 Dies entspricht den Worten unserer Weisen: „‚Schärft sie ein‘ – die Worte der Tora sollen in deinem Mund geschärft sein, sodass du nicht stammelst, wenn dich jemand etwas fragt, sondern ihm sofort antwortest.“5 Und was soll er auf dieses „Was“ antworten? Das zweite „Was“: „Was fordert der Ewige, dein Gott, von dir, außer dass du Ehrfurcht vor Ihm hast?“6
Man muss also wissen: Das erste „Was“ hat der Schöpfer, dein Gott, gefragt und nicht du. Das bedeutet, dass der Schöpfer dieses „Was“ in deinen Gedanken hervorgerufen hat, denn es gibt keine andere Kraft in der Welt, wie geschrieben steht: „Es gibt nichts außer Ihm.“7
Gewiss erschafft der Schöpfer kein Geschöpf, das sich Ihm widersetzt. Vielmehr erschuf Er diesen Gedanken, damit der Mensch Ehrfurcht vor Ihm hat. Das bedeutet, das Joch des Königtums des Himmels über dem Verstand anzunehmen. Durch die Frage des Frevlers ist der Mensch gezwungen, das Joch des Königtums des Himmels jedes Mal neu auf sich zu nehmen. Dies heißt „Ehrfurcht“.
Das Mittel, durch das er die Kraft erhält, sich zu überwinden und das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen, sind Tora und Mizwot. Durch ihre Erfüllung wird der Mensch von seinem Bösen geläutert. Erst dann wird er fähig, das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen.
Darin liegt das Geheimnis der Worte: „Gott hat es so gemacht, dass man Ehrfurcht vor Ihm hat.“8 Jeder schlechte Zustand, den wir empfinden, dient nur dazu, dass der Mensch nicht in seinem gegenwärtigen Zustand bleibt. Wenn er auf den Stufen der Größe des Schöpfers nicht aufsteigt, kann er sich nicht überwinden. Erst wenn der Mensch die Größe des Schöpfers empfindet, unterwirft sich sein Herz. Dies bedeutet, dass er auf den Stufen der Gottesfurcht (Jirat HaShem) aufsteigen muss.
Folglich bewirken diese Fragen, dass der Mensch den Schöpfer braucht, damit Er ihm Herz und Augen öffnet und er der Größe des Schöpfers würdig wird. Andernfalls genügt ihm die Ehrfurcht vor dem Himmel, die er durch seine Erziehung besitzt. Wenn ihm dagegen jedes Mal die Frage des Frevlers kommt, genügt ihm dies nicht. Vielmehr muss er jedes Mal auf den Stufen der Größe des Schöpfers aufsteigen.
Dies erklärt die Worte: „Wie sehr liebe ich Deine Tora.“9 Durch die Frage „Was“ entstehen Ursache und Anlass, der Liebe zur Tora würdig zu werden. Denn die Frage „Was“ kann man nur entsprechend dem Maß beantworten, in dem man das Joch des Königtums des Himmels in Or Yashar (direktem Licht) annimmt. Dessen wird man nur durch das Licht in Tora und Mizwot würdig. Deshalb heißt es: „Immer ist sie mein Gespräch“10, denn die Frage „Was“ kommt immer wieder.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Psalmen 119:97–98; die Rabash-Notiz verbindet hier den Wortlaut beider Verse in verkürzter Form. ↩
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2. Mose 12:26. ↩
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5. Mose 10:12. ↩
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Pessach-Haggada, Antwort auf die Frage des bösen Sohnes; vgl. 2. Mose 12:26 und 13:8. ↩
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Talmud, Traktat Kiddushin 30a, als Auslegung zu 5. Mose 6:7. ↩
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Vgl. 5. Mose 10:12; die Rabash-Notiz verwendet hier שואל (erbitten/fragen) statt דורש (fordern). ↩
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5. Mose 4:35. ↩
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Prediger 3:14. ↩
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Psalmen 119:97. ↩
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Psalmen 119:97; die Rabash-Notiz gibt כל היום („den ganzen Tag“) hier sinngemäß als לעולם („immer“) wieder. ↩