32. Die Größe des Menschen richtet sich nach seiner Arbeit
Es heißt, Rabbi Jossi sagt: „Nicht der Ort ehrt den Menschen, sondern der Mensch ehrt seinen Ort.“1 So sehen wir es am Berg Sinai: Solange die Shechina (göttliche Gegenwart) auf ihm ruhte, sagte die Tora: „Auch Schafe und Rinder sollen nicht vor jenem Berg weiden.“2 Als die Shechina von ihm gewichen war, sagte die Tora: „Wenn das Widderhorn lang ertönt, dürfen sie auf den Berg steigen.“3
Dasselbe sehen wir am Zelt der Begegnung in der Wüste: Solange es aufgeschlagen war, sagte die Tora: „Schickt jeden Aussätzigen aus dem Lager.“ Sobald die Vorhänge eingerollt waren, durften Menschen mit einem Ausfluss und Aussätzige dort eintreten.4
Um dies im ethischen Sinn zu verstehen, muss man den Begriff „Ort“ als Bezeichnung für den Schöpfer deuten, wie es heißt: „Gesegnet sei der Ort.“5 „Schafe“ – Zon – wird mit Jezia, „Hinausgehen“, verbunden. „Rinder“ – Bakar – wird mit Mewaker, „Kritiker“, verbunden. „Hinaufsteigen“ bedeutet, auf eine höhere Stufe aufzusteigen.
Die Erklärung lautet: Bekanntlich richtet sich der Lohn nur nach dem Leid.6 Das bedeutet, dass der Mensch die Gaben des Schöpfers erst empfangen kann, nachdem er seine Handlungen darauf ausgerichtet hat, um des Himmels willen zu sein.
Bekanntlich gibt es keine Möglichkeit zur Wahl, wenn das Licht des Schöpfers offenbart wird, also wenn der Schöpfer einem Menschen leuchtet und ihm eine Erweckung in Tora und Arbeit gibt. Denn der Genuss zwingt den Menschen, sich mit dem zu beschäftigen, worin er Genuss empfindet. Deshalb gibt es zu dieser Zeit keine Möglichkeit zur Wahl.
Dann muss er auch nicht in einem solchen Maß an den Schöpfer glauben und sagen, dass er ohne Glauben nicht handeln wird. Denn es gibt bereits einen anderen Antrieb für diese Handlung: den Genuss. Dies heißt lo liShma (nicht um des Gebens willen), weil nicht der Glaube die Handlung bewirkt. Vielmehr bestimmt der Genuss sein Handeln und treibt ihn dazu an, mehr gute Taten zu vollbringen.
Wenn der Schöpfer ihm eine große Erweckung zu Tora und Arbeit gibt, kann er dadurch daher nicht zur Stufe der Wahrheit aufsteigen. Denn es heißt: „Kaufe Wahrheit“7 – die Stufe der Wahrheit muss erworben werden. Nur durch die Anstrengung, das Joch des Königtums des Himmels durch die Wahl anzunehmen, wird man dessen würdig, zur Stufe der Wahrheit und jedes Mal zu einer höheren Stufe aufzusteigen. Das ist die Bedeutung von „Alles richtet sich nach der Vielzahl der Taten“.8
So ist „Nicht der Ort ehrt den Menschen“ zu verstehen: Wenn ein Mensch irgendeiner Erweckung würdig wurde, ist er nicht schon deshalb geehrt, weil der „Ort“, also der Schöpfer, ihn geehrt hat. Denn eine Erweckung, die von oben kommt, wird schließlich wieder von ihm weichen. Dem Menschen fehlt noch die Vorbereitung, die ihn befähigt, um des Himmels willen und nicht um des eigenen Genusses willen zu empfangen.
„Sondern der Mensch ehrt seinen Ort.“ Gerade wenn der Mensch zur Zeit der Wahl Anstrengung aufbringt und seinen „Ort“, also den Schöpfer, ehren will, wird er geehrt. Das bedeutet: Durch seine Arbeit wird der Mensch zum Träger des Thrones der Herrlichkeit. Nicht jedoch, wenn ihm eine Erweckung von oben zuteilwird; denn dann gilt dies, wie oben erklärt, als ein Zustand, in dem der „Ort“ den Menschen ehrt.
Als Beleg führt er den Berg Sinai an. Solange die Shechina auf ihm ruhte, galt: „Auch Schafe und Rinder sollen nicht vor jenem Berg weiden.“9
Das Hinausgehen, bei dem der Mensch die Arbeit verlässt, wird durch seine Kritik an der Vorsehung verursacht. In diesen Zuständen muss er seine Wahl treffen. Während einer Erweckung gibt es dagegen keinen Aufstieg, weil der Mensch jetzt keine eigene Kraft einsetzt: Er befindet sich in einer Erweckung von oben. Er bringt keine Anstrengung auf, die ihn in Bezug auf jene Zustände aufsteigen ließe, in denen er seine Wahl treffen muss.
Deshalb sagt die Schrift: „Wenn das Widderhorn lang ertönt“, also nachdem die Shechina gewichen ist, „dürfen sie auf den Berg steigen“.10 Erst dann können „sie“ – also jene Stellen, an denen er die Prüfung nicht bestehen und durch die er nicht in die Heiligkeit (Kedusha) gelangen konnte – überwunden werden. Denn jetzt hat er die Möglichkeit, seine Wahl zu treffen.
Damit wird auch der Beleg vom Zelt der Begegnung verständlich: „Sobald die Vorhänge eingerollt waren, durften Menschen mit einem Ausfluss und Aussätzige dort eintreten.“ Rashi erklärt, dass die Vorhänge eingerollt wurden, wenn das Lager weiterzog.11 Ein Aussätziger wird mit böser Rede in Verbindung gebracht. Im ethischen Sinn bezeichnet „böse Rede“ hier einen Menschen, der schlecht über die Vorsehung redet.
Auch die „Menschen mit einem Ausfluss“ sind im ethischen Sinn nach dem Ausspruch zu verstehen: „eine verputzte Zisterne, die keinen Tropfen verliert.“12 Solange der Mensch das nötige Maß an Anstrengung noch nicht aufgebracht hat, vergisst er sofort wieder alles und kehrt zu seinem früheren Verhalten zurück, sooft er auch das Joch der Tora auf sich nimmt.
Es zeigt sich also: Jeder Tropfen Ehrfurcht vor dem Himmel, den er auf sich nimmt, fließt wieder aus ihm heraus. Wenn er dagegen eines beständigen Glaubens würdig geworden ist, heißt er „eine verputzte Zisterne, die keinen Tropfen verliert“.13
Das Herz des Menschen wird „Zisterne“ genannt. „Verputzt“ steht für eine feste Grundlage, wie in den Worten: „Denn so hat es der König festgesetzt.“ Rashi erklärt: Er hat es gegründet, festgesetzt und angeordnet.14 Wenn das Herz des Menschen auf der Grundlage des Glaubens korrigiert ist und er alles nur deshalb will, weil „es der König so festgesetzt hat“ – der König der Welt –, dann wird das Herz „eine verputzte Zisterne, die keinen Tropfen“ Ehrfurcht vor dem Himmel „verliert“97 genannt.
Man spricht von einem „Tropfen“, weil der Mensch aus diesem Tropfen erschaffen wurde. Denn „Ihr werdet Mensch genannt“15 bezieht sich auf denjenigen, der Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, wie es heißt: „Fürchte Gott und halte Seine Mizwot.“16
Gerade als die Vorhänge eingerollt waren, durften Menschen mit einem Ausfluss und Aussätzige dort eintreten. Das bedeutet, dass ihnen damals eine günstige Gelegenheit gegeben wurde. Denn gerade zur Zeit der Verhüllung gibt es Raum für die Arbeit: Der Mensch kann seine Wahl treffen, das Joch des Königtums des Himmels dauerhaft auf sich nehmen und so des Zustands „eine verputzte Zisterne, die keinen Tropfen verliert“17 würdig werden.
Aus all dem folgt: Der Mensch muss allein aus eigener Kraft arbeiten, um seine Wahl zu treffen. Danach gibt ihm der Schöpfer alles, was im Schöpfungsziel vorgesehen war: Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Talmud, Traktat Taanit 21b. ↩
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2. Mose 34:3. ↩
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2. Mose 19:13. ↩
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4. Mose 5:2; der gesamte Vergleich mit dem Zelt der Begegnung steht im Talmud, Traktat Taanit 21b. ↩
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Pessach-Haggada; „der Ort“ ist eine traditionelle rabbinische Bezeichnung für den Schöpfer. ↩
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Sprüche der Väter 5:23: „Nach dem Leid richtet sich der Lohn.“ ↩
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Sprüche 23:23. ↩
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Sprüche der Väter 3:15. ↩
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2. Mose 34:3. ↩
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2. Mose 19:13. ↩
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Talmud, Traktat Taanit 21b; die anschließende Erklärung zum Einrollen der Vorhänge folgt Rashi zur Stelle. ↩
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Sprüche der Väter 2:8; dort wird Rabbi Elieser ben Hyrkanos mit diesem Bild beschrieben. ↩
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Sprüche der Väter 2:8. ↩
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Esther 1:8; die folgende sprachliche Erklärung wird Rashi zur Stelle zugeschrieben. ↩
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Talmud, Traktat Yewamot 61a. ↩
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Prediger 12:13; vgl. Talmud, Traktat Berachot 6b. ↩
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Sprüche der Väter 2:8. ↩