638. Der Trieb des Menschen
„Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag. Wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde, könnte er ihm nicht standhalten.“
Und man muss fragen: Es ist doch bekannt, dass alles in den Händen des Himmels liegt außer der Ehrfurcht (Jira) vor dem Himmel. Warum heißt es dann: „Wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde“?
Der Glaube wird als etwas über dem Verstand bezeichnet, also als etwas über der Natur. Denn alles, was innerhalb des Verstandes liegt, gehört zur Natur und zum Verstand. Was der Mensch versteht, kann er tun, sofern er nicht träge ist. Was dagegen über dem Verstand liegt, kann er nicht tun. Deshalb heißt etwas, das über der Natur liegt, ein Wunder.
Alle Wunder werden dem Schöpfer zugeschrieben. Sie gelten als ein Erwachen von oben und nicht als ein Erwachen von unten, denn der Untere kann nichts tun, was über der Natur liegt. Damit ihm jedoch ein Wunder geschieht, muss der Mensch darum beten.
Die Arbeit des Unteren – also seine Wahl – besteht demnach allein im Gebet (Tefilla). Dann hört der Schöpfer das Gebet, und die Wünsche des Menschen werden ihm erfüllt. Es gilt die Regel: Ein Gebet ist nur dort möglich, wo ein Mangel besteht.
Deshalb muss der Mensch in sich selbst das Bedürfnis und den Mangel an Glauben wecken. Nur wenn er sieht und empfindet, dass ihm der Glaube fehlt, und erkennt, wie sehr er ihn braucht, weil er ihn aus eigener Kraft nicht erlangen kann, kann er ein wahres Gebet sprechen und den Schöpfer um Hilfe bitten. Dann wirkt der Schöpfer für ihn ein Wunder und gibt ihm das Licht des Glaubens.
Doch er muss darauf achten, dieses Licht nicht zu genießen. Unsere Weisen sagten: „Aus Wundern darf man keinen Nutzen ziehen.“ Das bedeutet: Der Glaube darf nur um des Gebens willen und nicht um des Empfangens willen angenommen werden. Dann kann der Geist der Heiligkeit (Kedusha) auf ihm ruhen.
Wenn er dieses Licht dagegen begehrt, um Genuss zu haben, weil er erkennt, dass die körperlichen Genüsse nicht ewig sind, und deshalb einen ewigen Genuss sucht und deswegen um Glauben bittet, weicht das Licht der Heiligkeit sofort von ihm.
Vielmehr muss er darum bitten, weil die Shechina (göttliche Gegenwart) im Exil ist. Er will, dass der Name des Himmels in ihm geheiligt wird und er keine fremden Gedanken hat, denn er kann die üble Nachrede nicht ertragen, mit der der Körper über die Heiligkeit spricht. Darüber steht geschrieben: „Den ganzen Tag schmähen mich meine Feinde.“ Dann wirkt der Schöpfer für ihn ein Wunder, gibt ihm Glauben über dem Verstand, und er erlangt dauerhaften Glauben.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026