644. Der Leichenzug weicht dem Brautzug
Unsere Weisen sagten: „Man lässt den Toten vor der Braut weichen, beide aber vor dem König Israels.“1
Dazu ist im Sinne der ethischen Lehre zu fragen. Diese Aussage zeigt uns die Ordnung in der Arbeit für den Schöpfer:
1) Zuerst muss man das Böse beseitigen, das sich im Herzen des Menschen befindet. Dazu heißt es: „Die Frevler (Rashaim) werden schon zu Lebzeiten Tote genannt.“ Deshalb gilt das Böse als tot.
2) Danach wendet man sich der Braut zu. Die Braut bezeichnet die heilige Shechina (göttliche Gegenwart), wie geschrieben steht: „Geh, mein Geliebter, der Braut entgegen.“ Gemeint ist damit der Glaube. Denn bevor man das Böse beseitigt, kann man des Glaubens, der „Braut“ genannt wird, nicht würdig werden.
3) „Beide aber vor dem König Israels.“ Das bezeichnet die Tora, denn die Tora wird „König“ genannt. Der Glaube wird „Königtum des Himmels“ oder „Ehrfurcht (Jira) vor dem Himmel“ genannt. Dies bedeutet, das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen. Erst nachdem man der Annahme des Königtums würdig geworden ist, kann man der Tora würdig werden.
Man kann dies auch anders deuten, und zwar nach der Reihenfolge der Vorbereitung auf die Arbeit für den Schöpfer. Dann ist die Ordnung:
1) die Tora, die „König Israels“ genannt wird,
2) die Braut, die „Glaube“ genannt wird,
3) danach geht man hin und begräbt den Toten.
Denn wenn ein Mensch mit der Vorbereitung auf die Arbeit für den Schöpfer beginnt, muss er mit der Tora anfangen, also die Tora studieren. Zunächst muss er mit lo liShma (nicht um des Gebens willen) beginnen. Aus lo liShma gelangt man zu liShma (um des Gebens willen), denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück. Wenn er die Tora anschließend mit der Absicht studiert, dass sie ihn zum Guten zurückführt, wird er des Glaubens würdig. Denn der Glaube ist das Gute, und sein Gegenteil ist das Böse.
Nachdem er des Glaubens würdig geworden ist, kann er den Toten aus seinem Inneren entfernen, also das Böse in sich begraben. Unsere Weisen sagten2: „Welcher fremde Gott befindet sich im Körper des Menschen? Das ist der Böse Trieb (Jezer haRa).“ Dann erfüllt er: „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“, wie unsere Weisen über König David sagten, dass er ihn durch Fasten tötete.
Danach beginnt, wie oben beschrieben, eine neue Ordnung. Denn nachdem er das Böse beseitigt hat, wird er der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig. Die erste Stufe des Glaubens ist die „Ehrfurcht vor der Sünde“, die zweite Stufe des Glaubens wird „Ehrfurcht vor dem Himmel“ genannt.
Danach wird man der Tora würdig, die „König Israels“ genannt wird. Der Glaube in Form der Ehrfurcht vor dem Himmel wird „Versammlung Israels (Knesset Israel)“ genannt. Darüber heißt es: „Das Studium der Tora wiegt alles auf.“ Denn man kann der Tora nicht würdig werden, bevor man würdig geworden ist, die Braut zu geleiten und den Toten hinauszutragen.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026