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572. Zwei Anstrengungen

„Der Pfeilmacher wird durch seinen eigenen Pfeil getötet“ – manchmal fertigt ein Handwerker einen Pfeil an, durch den er selbst getötet wird.1 Dies wird über das Gesäuerte am Pessach (Passahfest) gesagt, das verbrannt wird. Im Sinne der ethischen Lehre lässt sich erklären: Wenn der Mensch sich mit Tora und Mizwot befassen und dabei für den Schöpfer arbeiten will, muss er gegen den Bösen Trieb (Jezer haRa) kämpfen und ihn besiegen. Denn es liegt in der Natur des Menschen, sich anzustrengen, wenn er selbst einen Nutzen davon hat.

Wenn er jedoch sieht, dass ihm aus dieser Arbeit keinerlei Nutzen erwächst, ist er nicht fähig zu arbeiten. Dann erhebt der Böse Trieb einen Einwand und fragt: „Was bedeutet euch dieser Dienst?“ Das heißt: Welchen Gewinn wird der Mensch aus seiner Anstrengung ziehen?

Wenn der Mensch ihn überwindet und erklärt, er wolle gegen seine Natur arbeiten und dem Schöpfer geben, bringt der Böse Trieb einen anderen Einwand vor. Er stellt die Frage des Pharao, des Frevlers: „Wer ist der Ewige, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“ Man kann nur dann für einen anderen arbeiten, wenn man weiß, dass der andere die Anstrengung annimmt. Hier jedoch sind zwei Anstrengungen nötig:

1) Der Mensch muss sich überwinden, gegen seine Natur handeln und nicht zu seinem eigenen Nutzen arbeiten, sondern zum Nutzen des anderen, also für den Schöpfer.

2) Er muss glauben, dass der Schöpfer seine Anstrengung annimmt.

Diese beiden Fragen sind die Haupteinwände des Frevlers. Alle anderen Fragen, die dem Menschen kommen, sind nur Folgen, die aus diesen beiden Fragen hervorgehen.

Diese Fragen kann man nur durch die Kraft des Glaubens überwinden, dessen Wesen darin besteht, über dem Verstand zu gehen. Man muss dem Frevler antworten: Innerhalb des Verstandes ist seine Frage berechtigt. Doch über dem Verstand, also im Glauben, glaubt der Mensch den Worten der Weisen, dass nur dieser Weg auf den Schöpfer ausgerichtet ist.

Wenn der Mensch also seine ganze Kraft und Anstrengung für den Schöpfer einsetzt, ist dies sein ganzes Ziel. Für dieses Ziel wurde die Welt erschaffen, wie unsere Weisen sagten: „Die ganze Welt wurde nur dafür erschaffen“2, nämlich für die Ehrfurcht (Jira) vor dem Himmel.

Wenn er dem Frevler daher antwortet, dass er über dem Verstand und damit gegen den Verstand geht, kann der Verstand keine Einwände mehr erheben. Denn alle Fragen liegen innerhalb des Verstandes; über dem Verstand dagegen gibt es keinen Raum für Fragen.

Wenn der Frevler seine Fragen stellt, sagt man ihm deshalb: Jetzt ist die Zeit gekommen, in der ich meine Arbeit im Glauben ausführen kann. Gerade dadurch, dass du eine Frage stellst und ich dir antworte, dass ich den Weg des Glaubens gehe und dir keine Antwort innerhalb des Verstandes gebe – das ist das Zeichen, an dem du erkennen sollst: Meine Arbeit geschieht im Glauben über dem Verstand.

Daraus folgt: Du hast mich jetzt dazu gebracht, eine Mizwa zu erfüllen. Denn erst jetzt offenbart sich vor aller Augen, dass der Weg des Schöpfers allein im Glauben besteht.

Damit lässt sich der Ausspruch unserer Weisen erklären: „Der Pfeilmacher wird durch seinen eigenen Pfeil getötet.“ Der Handwerker fertigt also einen Pfeil an, durch den er selbst getötet wird. Gemeint ist: Derselbe Pfeil, mit dem er den Menschen töten will – die Frage, die der Frevler stellt –, tötet ihn selbst. Durch eben diese Frage tötet der Mensch den Frevler, denn mit der Frage selbst antwortet er ihm und tötet ihn.

Das heißt: Durch die Frage, die der Frevler stellt, nimmt der Mensch, wie gesagt, die Mizwa des Glaubens über dem Verstand auf sich und tötet ihn dadurch. Denn der Frevler will ihm keine Gelegenheit geben, Mizwot zu erfüllen.

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Pesachim 28a. ↩

  2. Brachot 6b. ↩