549. Das Empfinden des Mangels
Es liegt in der Natur des Menschen: Was für einen Besitz er auch hat, manchmal misst er ihm Wert bei, obwohl nach allgemeiner Auffassung kein Besitz etwas gilt. Dennoch schätzt er ihn – nämlich dann, wenn er sich anderen gegenüber damit brüsten möchte.
Wenn er dagegen seinen Besitz vermehren möchte, misst er ihm selbst dann keinen Wert bei, wenn die meisten Menschen ihn für etwas Substanzielles halten, und fühlt sich als jemand, dem etwas fehlt. Denn der Mensch strebt von Natur aus nach Ruhe. Nur wenn er in sich einen Mangel empfindet, nimmt er die Last der Anstrengung auf sich, um ihn zu korrigieren.
Die Vorsehung hat diese beiden Empfindungen eingerichtet, obwohl sie einander widersprechen, und zwar aus mehreren Gründen:
1) Der Mensch bezieht seine Lebenskraft (Chajut) nur aus Vollkommenheit.
2) Der Mensch muss den Schöpfer preisen. Und preisen kann man einen anderen nur für Vollkommenheit – dafür, dass er ihm die Vollkommenheit gegeben hat.
Das Empfinden des Mangels bringt ihn in Bewegung, und das führt ihn zum Gebet (Tefilla); denn ein Gebet entsteht nur aus einem Mangel.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026