601. Gebet und Bitte
„Gebet“ (Tefilla) ist das, was unsere Weisen für uns festgelegt haben; es ist etwas Allgemeines. „Bitte“ ist etwas Persönliches: Jeder bittet um das, was ihm seiner Empfindung nach fehlt.
Daher muss das Gebet mit dem Mund ausgesprochen werden. Sonst hat der Mensch keinerlei Halt am Gebet, denn der Gebetstext enthält Dinge, von denen er überhaupt nicht versteht, weshalb er sie braucht. Sein Halt am Gebet besteht daher darin, dass er die vorgeschriebenen Worte ausspricht.
Bei einer Bitte dagegen braucht der Mensch das, worum er bittet und was ihm seiner Empfindung nach fehlt, nicht mit dem Mund auszusprechen. Es genügt, dass er in seinem Herzen spürt, was ihm fehlt. Mit anderen Worten: Was der Mensch in seinem Herzen als Mangel empfindet, heißt Bitte. Das Herz wünscht, dass derjenige, der ihm geben kann, worum er bittet, es ihm gibt.
Da ein religiöser Mensch möchte, dass der Schöpfer seine Bitte erfüllt, und der Schöpfer die Gedanken im Herzen jedes Einzelnen kennt – weiß, wonach sein Herz verlangt –, genügt es, wenn der Mensch seinen Mangel empfindet. Das ist ein Gebet an den Schöpfer über die Mängel in seinem Herzen. Der Gebetstext dagegen gründet sich auf die Herzen unserer Weisen, auf das, was in ihren Herzen war.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026