459. Wegen der Demut und der Ehrfurcht vor dem Ewigen
„Und es wird geschehen: Weil ihr diese Rechtsbestimmungen hört, sie bewahrt und erfüllt.“ „Der Ewige, dein Gott, wird dir den Bund und die Güte bewahren, die Er deinen Vätern geschworen hat.“ „Die Folge der Demut ist die Ehrfurcht (Jira) vor dem Ewigen.“
Wenn der Mensch auf den Wegen des Schöpfers geht, spürt er, dass er jeden Tag ein gewisses Maß an Tora und Mizwot erwirbt. Und jedes Mal wächst es weiter – einmal weniger, einmal mehr. Im Laufe der Woche sammelt er so einen Besitz an Tora und Mizwot an. Wenn der Schabbat kommt, besitzt er, was er am Vorabend des Schabbat erarbeitet hat. Er spürt bereits, dass er am Schabbat von dem isst, was er an allen Tagen der Woche erarbeitet hat, die die sechs Werktage genannt werden.
Dann weiß er, dass er Niedrigkeit braucht. Deshalb sucht er bei sich nach einem Mangel, aufgrund dessen er sagen kann, dass er sich noch in Niedrigkeit befindet. Nun sagt der Vers: „Du sollst keinen Gräuel in dein Haus bringen.“ Außerdem steht geschrieben: „Jeder Hochmütige ist dem Ewigen ein Gräuel.“ Dazu sagte Rabbi Yochanan im Namen von Rashbi: „Jeder Mensch, in dem Hochmut ist, gilt, als würde er Götzendienst betreiben.“1
Wir müssen verstehen, warum jemand, in dem Hochmut ist, so gilt, als würde er Götzendienst betreiben. „Die Folge der Demut“ bedeutet: Das Ergebnis der Demut ist Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Doch was ist Demut?
Wenn ein Mensch spürt, dass er weder Tora noch gute Taten besitzt und schlechter ist als alle anderen, bedeutet das: Er sieht, dass sich alle mit Tora und Mizwot beschäftigen und in ihrem Leben Erfüllung finden, während er ohne Erfüllung in Tora und Mizwot lebt.
Die Allgemeinheit ist nämlich im Aspekt des Or Makif (umgebendes Licht) aufgebaut. Darin unterscheidet sich die Allgemeinheit Israels vom Einzelnen: In der Allgemeinheit Israels leuchten die umgebenden Lichter. So kann im Allgemeinen jeder Einzelne aus ihr die Zerstörung des Tempels beklagen und auf die Offenbarung Elias, die vollständige Erlösung und das baldige Kommen des Messias in unseren Tagen warten, Amen. Durch das umgebende Licht empfindet jeder etwas bei diesen Worten von Exil und Erlösung.
Wenn der Mensch sich jedoch persönlich befragt und eine Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) vornimmt, sieht er, dass er von diesen Dingen keinerlei Vorstellung hat. Darin liegt der Unterschied zwischen der Allgemeinheit und dem Einzelnen. Als Einzelner, der Or Pnimi (inneres Licht) erlangen soll, kann er nichts erlangen, bevor er der Umkehr (Teshuwa) würdig geworden ist.
Wenn der Mensch daher den Weg des Schöpfers als Einzelner gehen will, verlässt er sich nicht auf die Allgemeinheit und beschäftigt sich nicht nur so mit Tora und Mizwot, wie die Allgemeinheit es tut, sondern tut dies auf eigene Rechnung. Dann sieht er, dass er nichts besitzt. Im Gegenteil: Jeden Tag wird es bei ihm schlechter. Denn je mehr er sich auf dem Weg der Wahrheit mit Tora und Mizwot beschäftigt, desto deutlicher sieht er, wie weit er von der Wahrheit entfernt ist.
Dann gelangt er zur Demut: Er spürt, dass er schlechter ist als alle anderen. Denn alle besitzen zumindest ein Leuchten des umgebenden Lichts. Er selbst kann jedoch nicht mehr durch das umgebende Licht vorangehen, weil er bereits mit der Arbeit des Einzelnen begonnen hat. Daher besitzt er nichts mehr vom Aspekt der Allgemeinheit.
Mit dieser Demut muss er zum Gebet (Tefilla) gelangen. Er leidet darunter, dass er keinerlei Besitz hat und in jeder Hinsicht leer ist, und muss daher das wahre Gebet sprechen, dass der Schöpfer ihm Ehrfurcht vor Ihm schenkt. Dies heißt: „Der Ewige, dein Gott, wird dir den Bund und die Güte bewahren“ – der Schöpfer wird ihn zu Sich bringen.
Anders ist es bei jemandem, in dem Hochmut ist und der meint, mehr Besitz zu haben als alle anderen. Er kann niemals zur Ehrfurcht vor dem Schöpfer gelangen. Deshalb gilt er, als würde er Götzendienst betreiben: Er hat es nicht nötig, dass der Schöpfer ihn zu Sich bringt.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
-
Sota 4b. ↩