479. Du sollst die Gerechtigkeit nicht verfälschen
Shoftim
„Du sollst das Recht nicht beugen, kein Ansehen der Person kennen und keine Bestechung annehmen; denn Bestechung macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Worte der Gerechten.“
Hier gibt es drei Unterscheidungen:
1) Recht,
2) Angesicht,
3) Bestechung.
Die Tora begründet nur das Verbot der Bestechung; für das Angesicht und das Recht gibt sie dagegen keinen Grund an. Daher müssen wir verstehen, worin der Unterschied zwischen Recht und Angesicht besteht.
Im Sinne der spirituellen Arbeit müssen wir zunächst verstehen, was Recht und Streit bedeuten, wer die Streitparteien sind und wer der Richter ist. Wenn ein Mensch auf dem Weg des Schöpfers gehen will, muss er glauben, dass der Schöpfer gut ist und Gutes tut. Dann stellt sich jedoch die Frage: Warum empfindet der Mensch Leiden? So gerät er mit der Vorsehung in einen Rechtsstreit, denn „ein Richter hat nur das, was seine Augen sehen“.
Wenn er Leiden empfindet, fällt es ihm schwer, sich zu überwinden und zu sagen, dass dies alles Wohltaten (Chassadim) sind, denn er sieht und empfindet Unangenehmes. Er darf auch nicht lügen und behaupten, dies seien keine Leiden. Er erkennt also, dass ihm die Vorsehung in Form der Verhüllung erscheint. Das ist die Bedeutung von „Du sollst das Recht nicht beugen“.
Zugleich muss er über dem Verstand glauben, dass dies eine vollkommene Wohltat ist. „Du sollst kein Ansehen der Person kennen“ bedeutet, dass er nicht nach dem Angesicht verlangen soll, also nach dem Wissen, das Chochma und „Angesicht“ genannt wird.
Vielmehr gilt: „Du wirst Meinen Rücken sehen, aber Mein Angesicht wird nicht gesehen werden.“ Das wird gerade dadurch möglich, dass man keine Bestechung annimmt. „Bestechung“ bedeutet, dass der Mensch Genuss für sich selbst empfangen will – dass er sich also nur dort anstrengen möchte, wo er einen eigenen Nutzen erkennt.
Dann ist er nicht geeignet, die Wahrheit zu sehen, denn „Bestechung macht die Augen der Weisen blind“. Nur wenn er sich im Zustand von „keine Bestechung annehmen“ befindet und alles zum Nutzen des Schöpfers tut, kann ihm Chochma zuteilwerden, also die offenbare Vorsehung. Andernfalls „macht sie die Augen der Weisen blind“: Ihm bleibt nur die Verhüllung, denn das Licht ruht nur an einem Ort des Gebens.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026