694. Eine Übertretung liShma ist größer
„Rabbi Nachman bar Jizchak sagte: ‚Eine Übertretung liShma ist größer als eine Mizwa lo liShma.‘ Doch sagte Rabbi Yehuda nicht im Namen Raws: ‚Der Mensch soll sich immer mit Tora und Mizwot beschäftigen, selbst lo liShma, denn aus lo liShma gelangt er zu liShma‘? Vielmehr sage: ‚wie eine Mizwa lo liShma‘, wie geschrieben steht: ‚Mehr als Frauen sei Jaël, die Frau Hebers, des Keniters, gesegnet; mehr als Frauen im Zelt sei sie gesegnet.‘ Wer sind die Frauen im Zelt? Sara, Rebekka, Rachel und Lea.“1
Nach dem einfachen Wortsinn erklären manche, dass die Urväter aus Eifersucht handelten. Demnach erfüllten sie die Mizwa „Seid fruchtbar und mehrt euch“ lo liShma. Andere erklären: Weil eine Frau von der Mizwa „Seid fruchtbar und mehrt euch“ befreit ist, wird dies lo liShma genannt. Ebenso ist zu verstehen, worin die Frage „Aus lo liShma …“ besteht.
Im Sinne der ethischen Lehre ist jedoch zu fragen: Was bedeutet es, dass eine Übertretung liShma vorzuziehen ist – oder nach der Antwort der Gemara einer Mizwa lo liShma gleicht, sodass beide gleichwertig sind? Welchen Unterschied macht es für den Weisen, welche von beiden größer ist? Schließlich heißt es: „Achte auf eine leichte Mizwa ebenso wie auf eine schwere, denn du kennst den Lohn der Mizwot nicht.“ Was soll uns dies also lehren?
Es gibt die Regel: „Wenn dir eine Mizwa in die Hände kommt, lass sie nicht säuern.“ Wenn ihm also eine Mizwa lo liShma begegnet, muss er sie erfüllen, selbst wenn wir sagen würden, eine Übertretung liShma sei größer; denn es ist verboten, die Mizwot zu übertreten. Und wenn ihm eine Übertretung liShma begegnet, muss er auch diese zuerst begehen.
Im Sinne der ethischen Lehre ist zu verstehen, dass hier gefragt wird, welchen Weg der Mensch einschlagen soll, wenn er eine Mizwa lo liShma erfüllt: Soll er sich darüber freuen, dass er eine Mizwa erfüllt hat, oder soll er bedauern, dass er gerade eine Übertretung begangen hat, weil er nicht auf liShma ausgerichtet war? Seine Übertretung besteht also darin, dass er liShma nicht verwirklicht hat.
Bei der Erfüllung einer Mizwa lo liShma sind zwei Dinge zu unterscheiden:
1) Er hat durch seine Handlung eine Mizwa erfüllt.
2) In seinem Denken hat er eine Übertretung begangen. Denn bevor er die Mizwa erfüllte, war ihm noch nicht offenbart, dass er sich lo liShma mit ihr beschäftigt. Erst durch die Erfüllung der Mizwa wurde die Übertretung hinsichtlich liShma offenbart: Er kann seine Absicht nicht auf liShma ausrichten.
Daher lautet die Frage: Was soll der Mensch tun? Soll er sich über die Mizwa freuen, die er durch seine Handlung erfüllt hat, oder soll er die Übertretung hinsichtlich liShma bedauern? Darauf sagte Rabbi Nachman bar Jizchak: „Eine Übertretung liShma ist größer.“ Das bedeutet, dass es wichtiger ist, dass er erkennt, dass er hinsichtlich liShma eine Übertretung begeht. Die Bedeutung liegt darin, dass er darüber betrübt ist und zum Schöpfer betet. Dies wird ihn dahin führen, seine Absicht auf liShma ausrichten zu können.
Dagegen wendet die Gemara ein: „Doch sagte Rabbi Yehuda nicht im Namen Raws: ‚Der Mensch soll sich immer beschäftigen … denn aus lo liShma gelangt er zu liShma‘?“ Daraus folgt, dass die Mizwa lo liShma, die er erfüllt, ihn nach dem Grundsatz „Eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“ zu liShma führen wird. Die Gemara antwortet: „Vielmehr sage: ‚wie eine Mizwa lo liShma‘.“ Rashi erklärt, beide seien gleich. Der Rosh erklärt, beide seien von Nutzen.
Grundsätzlich ist zu fragen: Wie lässt sich „Aus lo liShma gelangt man zu liShma“ mit einer Übertretung liShma verbinden? Dort wird er schließlich eine Mizwa liShma erfüllen. Bei einer Übertretung liShma dagegen hat er die Handlung liShma bereits durch die Übertretung vollzogen und kann ihr nichts mehr hinzufügen. Bei lo liShma hingegen kann er noch etwas hinzufügen, nämlich zu liShma gelangen.
Bei Jaël war die Handlung eine Übertretung, während ihre Absicht um des Himmels willen war. Es ist zu fragen: Wenn ihre Absicht um des Himmels willen war, warum wird dies dann eine Übertretung genannt? Schließlich erwies sie dem Volk Israel mit dieser Handlung einen großen Dienst.
Man kann sagen, dass die Handlung nur die Vorbereitung auf eine Mizwa und nicht die eigentliche Mizwa war. Denn sie beabsichtigte, seine Kraft zu schwächen, um ihn töten zu können. Daher kann man sagen: Die Vorbereitung auf eine Mizwa ist keine Mizwa; ihn zu töten war die Mizwa, während die Schwächung seiner Kraft nur ihre Vorbereitung war.
Daraus folgt: Wenn die Handlung selbst die auf liShma ausgerichtete Tat vollendet hätte, wäre sie möglicherweise wie eine Mizwa liShma gewesen. Wäre er beispielsweise infolge der Schwächung seiner Kraft gestorben, dann hätte die Ausführung der Handlung auch die auf liShma ausgerichtete Absicht vollendet. Hier jedoch muss man zwischen der Vorbereitung auf eine Mizwa und der eigentlichen Mizwa unterscheiden, denn die Schwächung seiner Kraft war nur eine Vorbereitung.
Nach der Aussage Rabbi Nachman bar Jizchaks „Eine Übertretung liShma ist größer …“ wäre der Vers „Gesegnet unter Frauen“ im Sinne von „mehr als die Frauen“ auszulegen. Nach der Antwort „Vielmehr sage: ‚wie eine Mizwa lo liShma‘“ ist „Gesegnet unter Frauen“ dagegen im Sinne von „wie die Frauen“ und nicht „mehr als die Frauen“ auszulegen.
Aus Jaëls Handlung ist zu lernen, dass dort eine Übertretung in der Handlung und eine Mizwa im Denken vorlagen. Manchmal gibt es dagegen eine Mizwa in der Handlung und eine Übertretung im Denken; dies wird lo liShma genannt. Die Gemara sagt, dass beide gleichwertig sind.
Bei einer Handlung lo liShma ist zu unterscheiden: In der Handlung liegt eine Mizwa. Deshalb soll man sich über die Erfüllung der Mizwa freuen und sagen, dass eine Mizwa eine weitere Mizwa nach sich zieht.
Zugleich soll man die Übertretung hinsichtlich liShma bedauern, weil man seine Absicht nicht um des Himmels willen ausgerichtet hat. So ist der Ausspruch zu verstehen: „Selbst wenn die ganze Welt dir sagt: ‚Du bist ein Gerechter‘“ – dies gilt hinsichtlich der Handlung. Ist die Absicht jedoch noch nicht um des Himmels willen ausgerichtet, gilt der Mensch in dieser Hinsicht als Frevler (Rasha).
Dies ist die Bedeutung von „in deinen Augen“: Hinsichtlich des Denkens kann die Welt nichts wissen, denn die Absicht ist allein dem Menschen selbst anvertraut; andere können nicht wissen, was in seinen Gedanken ist. Deshalb heißt es: „Sei in deinen Augen wie ein Frevler.“ Ist die Absicht nicht um des Himmels willen ausgerichtet, zeigt sich beim Vollzug der Mizwa sofort der Aspekt der Übertretung hinsichtlich liShma.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Nasir 23b. ↩