689. Über Vater und Sohn
„Der Sohn verschafft dem Vater Verdienst, doch der Vater verschafft dem Sohn kein Verdienst.“ König Hiskija war ein Gerechter. Obwohl sein Vater Ahas ein vollkommener Frevler (Rasha) war, hat Ahas dank seines Sohnes Hiskija Anteil an der Kommenden Welt. Manasse dagegen, der Sohn Hiskijas, hat keinen Anteil an der Kommenden Welt, obwohl sein Vater Hiskija ein Gerechter war.1
Aus den heiligen Büchern ist bekannt, dass die Söhne kommen, um zu korrigieren, was die Eltern nicht vollenden konnten. Nachdem Abraham die Eigenschaft von Chessed (Gnade) vollendet hatte, wurde daher Isaak geboren, um die beiden anderen Linien zu vollenden. Isaak vollendete jedoch nur die Linie von Gwura (Strenge). Daraufhin kam Jakob und vollendete die Eigenschaft von Tiferet (Schönheit), die Mittlere Linie. Ebenso vollenden alle Generationen, was die früheren Generationen nicht vollendet haben.
Dies geht auf die Sünde am Baum der Erkenntnis zurück. Nachdem sich die Seele von Adam haRishon (dem ersten Menschen) in 600.000 Seelen geteilt hatte, müssen alle nachfolgenden Generationen vollenden, was er an seiner Seele verdorben hatte.
Daraus folgt: Der Sohn verschafft dem Vater Verdienst – die zweite Generation korrigiert also die erste. Die erste Generation dagegen korrigiert nicht die nachfolgende. Denn wenn die erste Generation bereits alles korrigiert hätte, hätte keine zweite Generation kommen müssen. Darin liegt die Bedeutung des Lebenskreislaufs: Wer die vollständige Korrektur nicht vollbracht hat, muss in einem zweiten Lebenskreislauf wiederkommen, um zu vollenden, was er im ersten nicht korrigiert hat.
Obwohl Hiskija ein Gerechter war, hätte er also keine Söhne zeugen müssen, wenn er alles vollendet hätte, was ihm auferlegt war. Denn die Söhne, die nach ihm kommen, sollen korrigieren, was ihr Vater nicht korrigiert hat.
Hiskija korrigierte somit, was sein Vater nicht korrigiert hatte. Deshalb hat Ahas Anteil an der Kommenden Welt. Manasse dagegen hätte korrigieren müssen, was Hiskija nicht korrigiert hatte. Da er jedoch ein Frevler war, korrigierte er nicht, was ihm auferlegt war. Manasse blieb ohne Korrektur und hat daher keinen Anteil an der Kommenden Welt.
„An die Gerechtigkeit (Zedaka) des Gerechten wird am Tag seines Frevels nicht gedacht.“ Im Sinne der ethischen Lehre werden Vater und Sohn als Ursache und Wirkung bezeichnet – also als eine frühere und eine ihr folgende Handlung. Die folgende Handlung heißt „Sohn“. Wer zuerst schlechte Taten vollbracht hat, bei dem gilt deshalb der Vater als Frevler. Danach vollbringt er gute Taten, indem er Umkehr (Teshuwa) übt.
Die Umkehr korrigiert daher die früheren Handlungen entsprechend dem Maß der vollzogenen Umkehr: Handelt es sich um Umkehr aus Ehrfurcht (Jira), werden ihm vorsätzliche Vergehen wie unbeabsichtigte Verfehlungen angerechnet. Handelt es sich um Umkehr aus Liebe, werden ihm vorsätzliche Vergehen als Verdienste angerechnet.
Damit gelten die Handlungen, die er nach der Umkehr vollbringt, gegenüber den früheren Handlungen als „Sohn“. Der Sohn – also die auf die schlechten Taten folgenden Handlungen – korrigiert demnach die schlechten Taten dadurch, dass der Mensch Umkehr übt.
Anders ist es bei jemandem, der zuerst gute Taten vollbringt, die „Vater“ genannt werden, und danach schlechte Taten, die „Sohn“ genannt werden. Dann korrigiert der Vater den Sohn nicht. Die guten Taten, die er früher vollbracht hat, können den späteren schlechten Taten kein Verdienst verschaffen, denn: „An die Gerechtigkeit des Gerechten wird am Tag seines Frevels nicht gedacht.“ Umgekehrt kann der Sohn, wenn er gute Taten vollbringt, die schlechten Taten korrigieren.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Sanhedrin 104a. ↩