507. Was ist Freude?
Es ist bekannt, dass Freude nicht für sich besteht, sondern aus etwas anderem hervorgeht und dessen Folge und Ergebnis ist. Das heißt: Wenn jemand einen Genuss empfindet, ruft dieser Genuss eine innere Regung hervor, die Freude genannt wird. Daraus wird verständlich: Wer in seinem Leben keinen Genuss hat, bei dem können Freude weder Raum noch Möglichkeit finden, denn ihm fehlen der Auslöser und die Ursache, aus denen diese Folge, Freude genannt, hervorgeht.
Wir sehen, dass kleine Kinder immer voller Freude sind. Der Grund dafür ist: Weil ihr Verstand noch klein ist, können sie sich an allem erfreuen. Sie wägen nicht ab und stellen keine Berechnungen an; an jeder Kleinigkeit finden sie Geschmack und Genuss. Das gibt ihnen einen ausreichenden Grund, sich zu freuen.
Anders ist es beim Menschen, wenn er heranwächst: Mit zunehmender Reife wird seine Fähigkeit, Genuss zu empfangen, immer begrenzter. Denn seine Reife hindert ihn daran, sich von allem beeindrucken zu lassen, und so kann er nicht an allem Genuss finden.
Das bedeutet: „Wer Erkenntnis vermehrt, vermehrt Schmerz.“ Denn ein verständiger Mensch ist anspruchsvoll; nicht jede Speise, die man ihm gibt, ist für ihn etwas, das ihm Genuss bereitet. Darin liegt eine besondere Absicht: Der Mensch soll erkennen, dass ihm alle Begierden dieser Welt nichts bieten – keinen Genuss, der ihm Freude schenken könnte. Denn solche Genüsse eignen sich nur für Menschen mit geringem Verstand.
So wird dem Menschen die Möglichkeit gegeben, sich von allen Begierden dieser Welt zu lösen und Genuss nur noch aus Dingen zu schöpfen, die wichtiger sind als das Materielle. Er soll Genuss und Freude an spirituellen Dingen finden und nur diese genießen. Nur solche Genüsse bringen ihm Freude.
Wenn er daher jemanden betrachtet, dessen Erlangung nicht über den Genuss von Essen, Trinken, Ehre und Ähnlichem hinausgeht, sieht er ihn wie ein kleines Kind, das Freude daran hat, mit Spielzeug zu spielen.
Daraus folgt: Wer sieht, dass er nicht so viel Freude empfindet wie andere Menschen, muss wissen, dass der Grund dafür darin liegt, dass er auf einer höheren Stufe steht. Er muss daher wissen, dass der Schöpfer ihm die Gelegenheit bereitet, sich mit der Tora und der spirituellen Arbeit zu befassen. Das wird ihm wahre Freude bringen, die „Freude an einer Mizwa“ genannt wird.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026