96. Leid geht der Barmherzigkeit voraus
„Wenn man die Tora der Mizwa voranstellt oder die Weisheit der Ehrfurcht … Ebenso wird es bei der Erlösung sein: Wenn sie würdig sind, werden sie in Barmherzigkeit hinausgehen … Und wenn man die Barmherzigkeit nicht voranstellt, werden sie im Leid hinausgehen. Es ist gut, Leid und Gericht voranzustellen, um Barmherzigkeit heranzuziehen … ‚Dem Leid entsprechend ist der Lohn‘.“1
Wir müssen verstehen:
1) Warum müssen zuerst Leid und Gericht da sein, um Barmherzigkeit heranzuziehen?
2) Was bedeutet „Dem Leid entsprechend ist der Lohn“? Schließlich müssen wir ohne Lohn arbeiten.
Um das Gesagte zu verstehen, müssen wir wissen, was Leid, Anstrengung und Gericht sind und worin der Lohn besteht, der mit den Worten „Dem Leid entsprechend ist der Lohn“ versprochen wurde. Bekanntlich gibt es kein Licht ohne ein Gefäß (Kli). Das bedeutet: Es kann keine Füllung geben, wenn kein Ort des Mangels vorhanden ist. Damit die Geschöpfe das Gute und den Genuss ohne Scham empfangen können, wurde eine Korrektur vorgenommen, die Einschränkung (Zimzum) und Verhüllung heißt, sodass sie den Schöpfer nicht wahrnehmen.
Um den Schöpfer erkennen zu können, müssen wir Gefäße des Gebens erlangen. Dies erfordert große Arbeit, Leid und Anstrengung, denn von Natur aus sind wir mit Gefäßen des Empfangens geboren. Mit unserem äußeren Verstand können wir nicht begreifen, dass die Gefäße – also die Mängel – einzig auf das Geben und nicht auf den eigenen Nutzen ausgerichtet sein sollen.
Wenn wir deshalb den Weg des Gebens gehen wollen, heißt dies „über dem Verstand“, denn der Verstand kann es nicht begreifen. Dass ein Mensch sich von den Gefäßen des Empfangens reinigen will, wird Reinheit genannt.
Es stellt sich die Frage: Wer gibt dem Menschen den Gedanken und das Verlangen, sich von den Gefäßen des Empfangens reinigen zu wollen? Dies kommt durch Bücher und Autoren zu ihm: Er hört und sieht, wie sie ihm sagen, dass das Leben, nach dem er gemäß dem Verlangen seines Körpers strebt, Tod und nicht Leben genannt wird.
korrEY, Buchfassung, 25.09.2026
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Sohar, Ki Teze, Blatt 19, Punkt 52. ↩