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926. Komm zum Pharao

„Und der Ewige sprach zu Moses: ‚Komm zum Pharao, denn Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verhärtet, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze.‘“ Dazu ist Folgendes zu verstehen:

1) Der Einwand des heiligen Sohar: Warum steht dort nicht: „Geh zum Pharao“?

2) Die bekannte Frage: Warum brauchte der Schöpfer die Zustimmung des Pharaos, wenn Er die Kinder Israels herausführen wollte?

3) Die bekannte Frage: Warum nahm Er ihm die freie Wahl?

4) Der Grund für die Worte „damit Ich diese Meine Zeichen setze“: Wenn der Schöpfer Zeichen vollbringen wollte, warum musste dies dadurch geschehen, dass der Pharao unter den Plagen litt? Er hätte die Zeichen auch auf andere Weise vollbringen können, ohne dass dem Pharao dadurch Schaden entstand.

Um all dies zu erklären, müssen wir zunächst die Worte unserer Weisen anführen: „Der Mensch soll sich immer so betrachten, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll. Hat er eine Mizwa erfüllt, wohl ihm, denn er hat die Waagschale für sich zur Seite des Verdienstes geneigt.“1

Das ist schwer zu verstehen: Wenn er die Waagschale bereits zur Seite des Verdienstes geneigt hat, wie kann er sich dann wieder als halb schuldig und halb verdienstvoll ansehen? Ebenso ist zu verstehen: Wenn er eine Übertretung begangen und die Waagschale zur Seite der Schuld geneigt hat, wie kann er später wieder sagen, er sei zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll? Außerdem ist zu verstehen: Wenn er selbst weiß, dass er einige Verdienste besitzt, wie kann man ihn lehren, zu lügen und sich fälschlich vorzustellen, er sei genau halb und halb?

Ebenso ist zu verstehen, was unsere Weisen sagten: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Böser Trieb ist größer als er.“2 Warum verdient ein Gerechter die Strafe, einen noch größeren Bösen Trieb (Jezer haRa) zu haben?

Ebenso ist zu verstehen, was unsere Weisen sagten: „Hat jemand eine Übertretung begangen und sie wiederholt, wird sie ihm wie etwas Erlaubtes.“3 Warum geschieht es so, dass sie ihm wie etwas Erlaubtes wird? Und ebenso ist zu verstehen, was unsere Weisen sagten: „Den Frevlern (Rashaim) erscheint der Böse Trieb wie ein Haarfaden, den Gerechten wie ein hoher Berg.“1042 Was ist nun die Wahrheit?

In Wahrheit gibt es in der Arbeit für den Schöpfer eine Ordnung. Weil der Schöpfer wollte, dass es kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) gibt, muss der Mensch wählen: Er soll das Gute wählen und das Böse verabscheuen. Deshalb gilt: Obwohl der Schöpfer das Volk Israel aus dem ägyptischen Exil herausführen kann – nämlich indem Er ihnen nur den Guten Trieb gibt und das Böse unterwirft –, würde sich der Mensch dann in keinerlei Exil mehr befinden.

Da der Schöpfer jedoch will, dass der Mensch selbst wählt, muss dieser zustimmen, dass das Volk Israel aus dem Exil seiner eigenen Ichbezogenheit herauskommt. Dies heißt bewusste Wahl: Er stimmt zu, dass sein eigener Pharao, der König von Ägypten, nicht über die Eigenschaft Israel in ihm herrscht.

Das Wort Pharao (Paro) ist mit „und er entblößte (para) das Haupt“ verwandt, also mit Enthüllung. Er will, dass ihm alles enthüllt ist; andernfalls ist er der König von Ägypten und herrscht über den Körper durch die Eigenschaft Ägypten (Mizrajim): Er bedrängt (mezer) den Menschen, wenn dieser etwas für den Schöpfer tun will. Deshalb gibt der Pharao ihm die Erlaubnis zu handeln, wenn er Enthüllung verlangt, also wenn alles seinem Verstand entsprechen und dieser einsehen soll, dass sich die Handlungen lohnen.

Darum fragt der Pharao: „Wer ist der Ewige, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“ Und ebenso: „Was ist das für eine Arbeit, die ihr da tut?“ So spricht er, wenn diese Kraft über die Eigenschaft Israel in ihm herrscht.

Denn Israel bedeutet „direkt zum Schöpfer“ (Yashar-El): Alles, was der Mensch tut, soll unmittelbar auf den Schöpfer ausgerichtet sein, also mit der Absicht zu geben. So sagten unsere Weisen: „Es soll keinen fremden Gott in dir geben. Was ist ein fremder Gott im Körper des Menschen? Das ist der Böse Trieb.“4 Wenn der Mensch etwas für den Schöpfer tun soll, ist es ihm fremd, solche Handlungen auszuführen. Dies ist das Gegenteil von Israel, das geradewegs zum Schöpfer strebt.

Um Israel aus der Herrschaft des Pharaos, des Königs von Ägypten, herauszuführen – damit der Mensch also der Wahl zustimmt und alles mit der Absicht zu geben tun kann –, braucht er gerade das Licht der Tora. So sagten unsere Weisen: „Das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“

Damit verstehen wir, warum „Komm“ und nicht „Geh“ geschrieben steht. „Komm“ bedeutet: Komm, wir beide gehen gemeinsam. Der Mensch soll nicht meinen, er könne sein Böses aus eigener Kraft unterwerfen. Vielmehr heißt es: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag; würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht überwinden.“ Deshalb soll der Mensch nicht sagen, er könne sein Böses unmöglich besiegen, denn er muss glauben, dass der Schöpfer ihm hilft. Das ist die Bedeutung von „Komm“.

Der heilige Sohar fragt zu den Worten unserer Weisen „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen“: „Womit wird ihm geholfen?“ Er antwortet: „Mit einer heiligen Seele. Wenn der Mensch geboren wird, gibt man ihm Nefesh von der Seite des reinen Tieres. Wird er größerer Würdigkeit teilhaftig, gibt man ihm Ruach (Geist).“ Jedes Mal, wenn der Mensch sich läutert und sein Böses überwindet, wird ihm somit eine höhere Stufe offenbart, die als Eigenschaft der Tora oder als Licht der Tora bezeichnet wird.

Damit verstehen wir, warum ihm eine Verhärtung des Herzens widerfährt und warum er, wenn der Schöpfer Zeichen vollbringen will, grundlos unter dieser Verhärtung leiden muss. Wenn der Mensch auf dem Weg der Wahrheit in den Wegen des Schöpfers gehen will, soll er nicht sagen, er könne es wegen seiner vielen Vergehen nicht.

Denn hier geht es nicht darum, dass er vor das obere Gericht tritt und dort danach beurteilt wird, wie viele Verdienste er besitzt. Hier geht es um den Menschen selbst: Er beurteilt sich und sagt, er könne keine Wahl treffen, weil eine Wahl zwischen zwei gleichwertigen Dingen stattfindet, zwischen denen er entscheiden muss.

Deshalb sagten unsere Weisen, der Mensch solle sich als halb schuldig und halb verdienstvoll betrachten. Denn der Schöpfer hat absichtlich dafür gesorgt, dass Gut und Böse immer gleich schwer wiegen, damit der Mensch entscheiden kann. Wenn er daher eine Mizwa erfüllt und die Waagschale zur Seite des Verdienstes geneigt hat, ist er dadurch größer geworden.

Dann heißt es: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Böser Trieb ist größer als er.“ Der Schöpfer verhärtet sein Herz also absichtlich, damit er erneut etwas zu entscheiden hat. Denn mit jeder Entscheidung erwirbt der Mensch Buchstaben der Tora. Somit sind die Zeichen nicht zum Nutzen des Schöpfers, sondern zum Nutzen des Menschen.

Daraus folgt, dass jede Verhärtung des Herzens dem Menschen zugutekommt, denn dadurch wird er der Buchstaben der Tora würdig. Obwohl der Mensch während seiner Arbeit nicht alles empfindet, was er empfinden soll, wird ihm, sobald er seine Aufgabe vollständig abgeschlossen hat, auf einmal offenbart, woran er die ganze Zeit gearbeitet hat.

Mein Vater und Lehrer gab dazu folgendes Gleichnis: Es ist, als würde ein Mensch jedes Mal nur eine Null verdienen. Und jedes Mal sieht er nicht, dass er nur eine Null verdient hat. Beim ersten Mal hat er also eine Null, beim zweiten zwei Nullen und beim dritten drei Nullen, bis er sehr viele Nullen angesammelt hat.

Wenn er jedoch seine Arbeit beendet, erlangt er eine Eins. Dann kann neben der Eins nur eine Null stehen, was lediglich zehn ergibt. Es können aber auch 1.000.000 oder mehr sein. So werden ihm jedes Mal Buchstaben der Tora hinzugefügt. Das bedeuten die Worte: „damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze.“

korrEY, Buchfassung, 25.09.2026


  1. Kiddushin 40b. ↩

  2. Sukka 52a. ↩

  3. Ende von Joma. ↩

  4. Schabbat 105b. ↩