1988/29 Wie man jemanden, der Gott dient, von jemandem, der ihm nicht dient, unterscheidet
Unsere Weisen schließen im Traktat Ketuwot mit folgenden Worten: „Rabbi Chija bar Aschi sagte: Rav sagte: In Zukunft werden alle unfruchtbaren Bäume im Land Israel Früchte tragen, denn es heißt: ‚Denn der Baum trägt seine Frucht, Feigenbaum und Weinstock geben ihre Kraft.‘“ So weit das Zitat.
Und der MAHARSHA (Rabbi Shmuel Edels) erklärt dazu: „Auch wenn es ein unfruchtbarer Baum ist, der nach seiner Natur nicht geeignet ist, eine Frucht hervorzubringen, wird er dennoch eine Frucht tragen.“ Und man muss verstehen, was uns das in der Arbeit lehren will.
Der Sulam sagt in seinem Kommentar zum Aufsatz über die Buchstaben (in der Einführung zum Buch Sohar, Blatt 33) folgendes: „Da der Schöpfer das eine dem anderen gegenüber gemacht hat – so wie es vier Welten ABYA (Azilut, Brija, Yezira, Assija) der Heiligkeit (Kedusha) gibt, gibt es ihnen gegenüber vier Welten ABYA der Unreinheit (Tuma) –, lässt sich darum in der Welt Assija nicht erkennen, wer dem Schöpfer dient und wer Ihm nicht dient. Wie sollen wir also Gut von Böse unterscheiden? Es gibt jedoch eine einzige, sehr wichtige Unterscheidung, nämlich: ‚Ein fremder Gott ist unfruchtbar und bringt keine Frucht hervor.‘ Darum versiegt bei denen, die darin straucheln und auf den Wegen von ABYA der Unreinheit gehen, die Quelle, und sie haben keinerlei spirituelle Früchte zum Segen; sie verwelken mehr und mehr, bis sie ganz versiegen. Das Gegenteil sind die, die an der Heiligkeit anhaften: Sie werden mit Segen im Werk ihrer Hände belohnt, ‚wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und sein Blatt verwelkt nicht; und alles, was er tut, gelingt ihm.‘ Und das ist die einzige Unterscheidung in der Welt Assija, um zu erkennen, ob er in der Heiligkeit ist oder, Gott behüte, im Gegenteil.“
Und man muss verstehen, was „Früchte in der Spiritualität“ bedeutet. Das Wort „Früchte“ verwendet man im Sinne von „Gewinn“. So sagt man etwa: Ich habe ein großes Geschäft gemacht, aber bisher trägt es keine Früchte – gemeint ist, dass er daraus noch keinen Gewinn hat. In Bezug auf die Arbeit lässt sich das so erklären: Der Mensch beginnt, das Joch von Tora und Mizwot auf sich zu nehmen, und das Verständnis, das er dann von der Ehrfurcht vor dem Himmel hat, von der Bedeutung der Mizwot und besonders von der Bedeutung der Tora – wenn er zwanzig oder dreißig Jahre alt wird, hat er keine größere Vorstellung von der Arbeit für den Schöpfer, also davon, was Ehrfurcht vor dem Himmel ist und wie sich Tora und Mizwot anfühlen.
Und obwohl er sieht, dass er bereits einen Besitz aus mehreren Jahren hat, in denen er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt hat, ist er doch in eben dem Verständnis, das er hatte, als er in Tora und Mizwot pflichtig wurde, nicht weitergekommen. Er hatte nämlich gedacht, dass er, wenn er erwachsen wird, sicher andere Absichten haben wird als zu der Zeit, da er in die Arbeit für den Schöpfer eintrat. Doch er ist bei derselben Absicht geblieben. Und er stimmt der Ansicht der Vielen zu, die über ihn urteilen: Wenn sie sehen, dass er Tora und Mizwot in allen Einzelheiten und Feinheiten erfüllt, ehren sie ihn als einen, der über das Volk erhoben ist, und erweisen ihm Ehre für seine Arbeit in Tora und Mizwot.
Darum befindet er sich in dem Zustand „die ganze Welt sagt dir: Du bist gerecht.“ Und deshalb kann er niemals zu der Vollkommenheit gelangen, die „Diener des Schöpfers“ genannt wird. Er bleibt auf der Stufe „Diener seiner selbst“. Das heißt, seine ganze Arbeit, die er tut, dient seinem eigenen Nutzen. Und das wird „er dient Ihm nicht“ genannt: Er arbeitet zum eigenen Nutzen und dient nicht dem Schöpfer.
Und in der Arbeit ist es unmöglich, zur Stufe „Diener des Schöpfers“ zu gelangen, bevor man zur Stufe „er dient Ihm nicht“ gelangt ist. Denn es sind zwei Stufen, und man kann nicht zur oberen Stufe aufsteigen, wenn man sich noch nicht auf der unteren befindet. Vielmehr tritt der Mensch zuerst in die Stufe ein, die „er dient Ihm nicht“ genannt wird. Das heißt, der Mensch muss dahin kommen zu fühlen, dass alles, solange er zum eigenen Nutzen arbeitet, „er dient Ihm nicht“ heißt.
Und auch „er dient Ihm nicht“ bedeutet nicht, dass er bloß sieht, dass er sich auf der Stufe „nicht um ihretwillen“ (lo liShma) befindet, die in der Arbeit „er dient Ihm nicht“ heißt, und sich mit dem Zustand abfindet. Und es ist gleichgültig, welche Ausreden er dafür hat, denn die Gründe ändern nichts am Zustand. Wenn er also einwilligt, in eben diesem Zustand zu bleiben, ist es, als befände er sich noch nicht im Zustand „er dient Ihm nicht“.
Vielmehr, wenn er sieht, dass er sich auf der Stufe „er dient Ihm nicht“ befindet, ersinnt er Mittel und Ratschläge, wie er daraus herauskommt, sowohl durch Bücher als auch durch Gelehrte. Und es schmerzt ihn, dass er so in der Niedrigkeit steckt, versunken in die Selbstliebe, aus deren Herrschaft er nicht herauskommen kann, und er fürchtet, dass er für immer in diesem Zustand bleibt. Das heißt, dass er sich im Zustand „er dient Ihm nicht“ befindet.
Doch ist zu fragen, welchen Namen der Mensch dem Zustand geben soll, in dem er sieht, dass er sich auf der Stufe „er dient Ihm nicht“ befindet. Denn wenn der Mensch in diesen Zustand kommt, sieht er, dass er in Selbstliebe versunken ist, und zugleich erwachen in ihm all die tierischen Begierden, von denen er nie geträumt hat. Im Zustand „er dient Ihm nicht“ erwachen solche Gedanken und Verlangen – und das, obwohl er nach dem Maß seiner Arbeit, die er aufgewandt hat, um die Heiligkeit zu verdienen, zumindest hätte sehen müssen, dass er, auch wenn er die Heiligkeit noch nicht verdient hat, doch wenigstens von den tierischen Begierden schon befreit ist.
Sonst fragt er: Sagten unsere Weisen nicht „der Lohn richtet sich nach der Mühe“ (lefum zaara agra)? Das heißt, nach der Mühe, die der Mensch aufwendet, empfängt er Lohn. Und jetzt sieht er, dass er Mühe aufgewandt hat – und welchen Lohn hat er empfangen? Dass er jetzt noch schlechter dran ist. Denn bevor er in die Arbeit des Gebens einzutreten begann, wusste er, dass er ein Diener des Schöpfers ist. Und obwohl er auch damals wusste, dass es höhere Stufen gibt – nämlich die, die um ihretwillen arbeiten –, so wusste er doch, dass die Arbeit um ihretwillen nur einzelnen Auserwählten zukommt. Damals war er seiner selbst sicher: Auch wenn er nicht zu den Auserwählten zählte, galt er doch als Diener des Schöpfers, wie seine ganze Umgebung, in der er sich befand. Jetzt aber, da er zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will, geht er rückwärts; er fühlt also, dass er schlechter dran ist als zuvor. Und da erhebt sich die Frage: Wo bleibt das Wort unserer Weisen „der Lohn richtet sich nach der Mühe“?
Und die Wahrheit ist, wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte: Gerade dadurch, dass er Arbeit aufgewandt hat, um ein wenig Heiligkeit zu verdienen, hat er die Eigenschaft der Wahrheit erlangt. Das heißt, ihm wurde vom Himmel gegeben, seinen wahren Zustand zu erkennen: wie das Böse in ihm, nämlich das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, so grob und so fern vom Schöpfer ist. Bevor er die Arbeit begann, konnte er das auf keine Weise begreifen – die Niedrigkeit seines Zustands.
Vielmehr ist es so, wie wir es in den früheren Artikeln besprochen haben, wo der heilige Sohar den Vers „oder wenn ihm seine Sünde bekannt wird“ so erklärt: Der Schöpfer lässt ihn wissen, dass er gesündigt hat, oder die Tora lässt ihn wissen, dass er gesündigt hat. Von sich aus ist der Mensch nicht in der Lage, das Böse in sich zu sehen. Denn der Mensch ist sich selbst nahe und befangen, und es steht geschrieben: „die Bestechung macht die Augen der Weisen blind“ – und ein Blinder sieht nicht. Darum ist der Mensch nicht in der Lage, das Böse in sich von selbst zu sehen. Vielmehr lässt man es ihn von oben wissen, was in der Sprache des heiligen Sohar heißt: die Tora lässt es ihn wissen oder der Schöpfer lässt es ihn wissen. Und beides meint für uns ein und dasselbe, nämlich dass es von oben kommt und nicht von ihm selbst, denn das Erkennen des Bösen ist ein Wissen von oben.
Damit lässt sich der bekannte Einwand erklären: Einerseits sagten unsere Weisen (Nida 30b): „Man nimmt ihm den Eid ab: Sei gerecht und sei kein Frevler, und selbst wenn die ganze Welt dir sagt, du seist gerecht, sei in deinen eigenen Augen wie ein Frevler.“ Und man fragt: Sagt die Mischna (Avot, Kapitel 2) nicht „und sei kein Frevler vor dir selbst“? Wie kann es dann heißen „sei in deinen eigenen Augen wie ein Frevler“?
Darauf gibt es viele Antworten. Nach dem oben Gesagten kommt das Erkennen des Bösen von oben, und der Mensch ist nicht in der Lage, zum Erkennen des Bösen zu gelangen, außer nachdem er Kräfte in Tora und Mizwot aufgewandt hat, um zur Arbeit um des Himmels willen zu gelangen. Dann lässt man ihn von oben das Böse wissen, und erst dann kann er sehen, dass er ein Frevler ist. Und in einem solchen Zustand, in dem man ihm von oben mitteilt, dass er ein Frevler ist, erscheint er nach seinen Taten dennoch vor der ganzen Welt als gerecht, denn niemand kann wissen, was man dem anderen von oben mitgeteilt hat.
Und darüber heißt es: „selbst wenn die ganze Welt dir sagt, du seist gerecht“ – das ist deshalb, weil sie dich nicht kennen, nämlich deine Absichten; du aber musst die Wahrheit erkennen. Darum heißt es: „sei in deinen eigenen Augen wie ein Frevler“. „In deinen eigenen Augen“ bedeutet: nicht so, wie die Welt auf dein Äußeres blickt, sondern blicke „mit deinen eigenen Augen“, nämlich auf die Form der Absicht, die niemand sehen kann außer dir allein. Das heißt „in deinen eigenen Augen“. Und dann wirst du sehen, dass du ein Frevler bist. Und das ist es, was geschrieben steht: „sei in deinen eigenen Augen wie ein Frevler“.
Doch wie gesagt: Der Mensch ist nicht in der Lage, die Wahrheit zu sehen, dass er ein Frevler ist, außer nachdem er große Mühe in Tora und Mizwot aufgewandt hat, um zur Wahrheit zu gelangen. Dann offenbart man ihm von oben die Wahrheit, dass er sich im Zustand „er dient Ihm nicht“ befindet. Aber allein, ohne Hilfe von oben, kann der Mensch nicht sehen, dass er ein Frevler ist. Und das ist es, was geschrieben steht: „und sei kein Frevler vor dir selbst“ – das heißt, der Mensch kann von sich aus nicht zum Frevler werden, sondern dazu braucht er Hilfe von oben.
Darum muss der Mensch den Schöpfer bitten, ihm die Wahrheit über seinen spirituellen Zustand mitzuteilen, wo er sich befindet: ob er zu denen gehört, die „Diener des Schöpfers“ genannt werden, oder zu denen, die „er dient Ihm nicht“ genannt werden. Aber von sich aus ist der Mensch nicht in der Lage, es zu wissen. Und das ist es, was sie sagten: „und sei kein Frevler vor dir selbst“.
Und nun wollen wir erklären, was wir gefragt haben: welchen Namen der Mensch dem Zustand geben soll, in dem er sich befindet, wenn er sieht, dass er wirklich auf der Stufe „er dient Ihm nicht“ ist – wenn er sich also in der Arbeit nicht im Geringsten vorwärtsbewegt hat, sondern rückwärtsgegangen ist und seine Arbeit vergeblich war, ohne jeden Gewinn. Und an das Wort unserer Weisen „der Lohn richtet sich nach der Mühe“ muss er glauben; doch mit seinen Sinnen sieht er gleichsam, dass es, sagen wir, besser gewesen wäre, wenn er in diese Arbeit des Gebens überhaupt nicht eingetreten wäre. Es zeigt sich also, dass er nur Abstieg in der Arbeit sieht und keinen Aufstieg. Demnach müsste man dem Zustand „er dient Ihm nicht“ den Namen „Abstieg“ geben.
Doch nach dem, was wir gesagt haben – dass man nicht in die obere Stufe eintreten kann, bevor man die untere Stufe erlangt hat, die die Stufe „er dient Ihm nicht“ ist –, zeigt sich, dass dieser Zustand kein „Zustand des Abstiegs“ ist, sondern ein Zustand des Aufstiegs. Denn so ist der Weg: Die untere Stufe ist die Ursache und der Anlass für die obere Stufe. Daher ist eben dieser Abstieg, den er als einen Zustand des Abstiegs empfindet, das, was ihn dazu bringt, zur oberen Stufe aufzusteigen.
Das heißt: „der Lohn richtet sich nach der Mühe“. Nach dem Maß dessen, was er leidet, indem er sich im Zustand „er dient Ihm nicht“ befindet, bringt es ihn dazu, Ratschläge und Mittel zu ersinnen, wie er aus diesem Zustand herauskommt und zur oberen Stufe aufsteigt, die „Diener des Schöpfers“ genannt wird. Darum wird dieser Zustand „Zeit des Aufstiegs“ genannt und „Zustand des Fortschreitens zum Ziel“. Doch auch in der Zeit des „er dient Ihm nicht“ gibt es Aufstiege und Abstiege; und auch diese Abstiege werden als Aufstiege gerechnet.
Die Erklärung ist: Der Abstieg bringt den Menschen dazu, den Zustand des Bösen in ihm zu sehen, wozu es ihn bringen kann, das heißt, zu welcher Niedrigkeit es den Menschen bringen kann. Denn in der Zeit des Aufstiegs hatte er ein Verlangen nach Tora und Gebet und dachte, er gehört nun schon zu den Dienern des Schöpfers und braucht den Schöpfer nicht mehr, dass Er ihm gegen den bösen Trieb (Jezer haRa) in ihm hilft, weil er einen Geschmack an der Arbeit fühlt. Wenn er nun auf die Zeiten blickt, in denen er im Abstieg war, schämt er sich vor sich selbst, und es schmerzt ihn sehr, wenn er sich seiner Abstiege erinnert.
Und plötzlich fällt er „von einem hohen Dach in eine tiefe Grube“. Das heißt, er fällt aus einem Zustand, in dem er dachte, er wäre schon im Himmel. Und danach sieht er, dass er sich in einer tiefen Grube befindet. Und mehr noch: Er erinnert sich nicht, wie er in die tiefe Grube gefallen ist und was die Ursache war. Und als er in die Grube fiel, ist er dort ohne Bewusstsein, das heißt, er fühlt nicht, dass er sich in der Grube befindet. Erst nach einiger Zeit erholt er sich und beginnt zu fühlen, dass er sich in der Grube befindet. Und die Zeit der Erholung dauert eine Minute oder eine Stunde oder einen Tag, zwei Tage, oder einen Monat, bis er wieder zu Bewusstsein kommt und sieht, in welcher Niedrigkeit er sich befindet.
Und danach gibt man ihm von oben wieder Willen und Verlangen zur Arbeit, und er befindet sich wieder im Zustand des Aufstiegs. Und dann ist die Zeit, in der er aus der Zeit des Abstiegs Nutzen ziehen kann. Das heißt, in der Zeit des Aufstiegs kann er erkennen, welchen Gewinn er aus dem empfangenen Abstieg hat. Denn nach dem, was gesagt wird, sind die Strafen, die man dem Menschen gibt, nicht wie bei einem König aus Fleisch und Blut, der Rache übt und nachträgt, weil der Mensch das Gebot des Königs nicht hält, sondern hier geht es um eine Korrektur. Welchen Gewinn also kann er sagen, dass er aus den Abstiegen hat?
Die Antwort ist: Der Abstieg wurde dem Menschen nicht dazu gegeben, dass er aus dem Abstieg lernt, während er sich im Abstieg befindet. Denn in der Zeit des Abstiegs ist er ohne Bewusstsein, das heißt, er fühlt nicht, dass er sich im Abstieg befindet – weil es dann kein lebendiges Wesen gibt, das einen Mangel an Lebenskraft der Heiligkeit fühlen würde. Denn ihm ist das Wissen verlorengegangen, dass es überhaupt Spiritualität in der Welt gibt, bei wem auch immer, und alle seine Gedanken kreisen nur um das Leben, das in der Selbstliebe liegt.
Das heißt: Da man bekanntlich ohne Leben nicht leben kann, wählt sich darum jeder Einzelne das passende Gewand, aus dem er das Leben gewinnen kann, das „Genuss“ genannt wird. Denn es gibt kein Leben ohne Genuss. Denn sobald der Mensch nicht in der Lage ist, in seinem Leben Genuss zu finden, wählt er sofort für sich den Tod, was „sich vorsätzlich das Leben nehmen“ genannt wird.
Darum ist es ihm in der Zeit des Abstiegs, wenn er aus irgendeinem Gewand Genuss gewinnt, nicht wichtig, welches Gewand es ist, sondern wichtig ist ihm, wie viel Genuss er aus diesem Gewand gewinnen kann. Das heißt, dass er dann nicht an Spiritualität denkt. Denn der Genuss, den er empfängt, lässt ihn die übrigen Dinge vergessen, weil sein ganzer Kopf damit beschäftigt ist, weiter Genüsse zu erlangen in den Gewändern, die seinem Geist dann nahe sind. Darin ist er versunken. Und dann hat er nicht den geringsten Gedanken, dass es eine solche Wirklichkeit gibt, die „Dienst am Schöpfer“ genannt wird. Denn der Abstieg wird „Tod“ genannt: Das wenige an Spiritualität, mit dem er in etwas an der Heiligkeit angehaftet war – dieses Leben ist von ihm gewichen. Darum gilt er dann als „tot“, in dem kein Lebensgeist der Heiligkeit ist.
Doch danach erwacht er und beginnt zu sehen, dass ihm spirituelles Leben fehlt. Und dieses Erwachen aus dem Abstieg wird „Auferweckung der Toten“ genannt, denn er beginnt schon zu fühlen, dass ihm Leben fehlt. Ein Toter dagegen fühlt nicht, dass ihm Leben fehlt und dass er das Leben verdienen möchte.
Doch es erhebt sich die Frage: Wer hat ihn lebendig gemacht? Darauf kommt die Antwort: „ein König, der tötet und lebendig macht“. Und wozu braucht man das? Die Antwort ist: „und lässt das Heil hervorsprießen“. Die Erklärung ist: Dadurch, dass der Schöpfer ihm einerseits einen Abstieg gibt, der „tötet“ genannt wird, und andererseits einen Aufstieg, der „und macht lebendig“ genannt wird, gerade dadurch lässt Er das Heil hervorsprießen. Und das ist es, was geschrieben steht: „und lässt das Heil hervorsprießen“.
Nach dem Gesagten ergibt sich, wann der Mensch aus dem Abstieg lernt und Nutzen zieht, wie oben. Gewiss nicht in der Zeit des Abstiegs, denn dann ist er tot. Sondern danach, wenn der Schöpfer ihn lebendig macht, ihm also einen Aufstieg gibt, dann ist die Zeit, in der er lernen muss, was er in der Zeit des Abstiegs hatte: in welcher Niedrigkeit er war, wonach sein Verlangen ging und was er erwartete – dass er sich, wenn er dies oder jenes hätte, als vollkommener Mensch fühlen würde. Dann sieht er, dass sein ganzes Leben in der Zeit des Abstiegs nichts anderes war als das Leben eines Tieres.
Nehmen wir ein Beispiel: Wir sehen, wenn man den Abfall in die Mülltonnen wirft, dass alle Katzen der Umgebung, sobald sie merken, dass irgendein tierischer Abfall in die Mülltonne geworfen wurde, ihn finden und fressen. Und mit der Kraft des Fressens läuft jede an ihren Ort, um weitere Genüsse und dergleichen zu erlangen. Und wenn der Mensch in der Zeit des Aufstiegs hinblickt, begreift er, dass es sich nicht lohnt, seinen Kopf und sein Herz an die tierischen Begierden zu hängen – und das ist nach seinem jetzigen Maß, seinem Zustand entsprechend, wirklich Abfall. Und gerade in dem Augenblick, in dem er auf dieses Leben blickt, erhebt sich in ihm ein Ekel bis zum Erbrechen.
Es zeigt sich also ein großer Nutzen aus diesem Abstieg: dass er die Niedrigkeit seiner selbst sieht, in welchen Zustand er geraten kann, und dass nur der Schöpfer ihn aus dieser Niedrigkeit herausgeholt hat. Dann ist die Zeit, die Größe des Schöpfers zu sehen, daran, dass es in Seiner Macht steht, den Menschen aus dem schlammigen Morast herauszuholen, in dem er versinken und für immer in der Hand der Sitra Achra bleiben könnte. Und nur der Schöpfer hat ihn von dort herausgeholt.
Nach dem Gesagten sehen wir, dass der Mensch in der Zeit des Aufstiegs alles lesen muss, was über die Zeit des Abstiegs geschrieben ist. Und dann weiß er aus diesem Lesen, wie er den Schöpfer um seine Seele bitten soll, dass Er ihn nicht noch einmal in den Unrat wirft. Und auch weiß er, wie er dem Schöpfer Dank sagen soll dafür, dass Er ihn wieder aus dem tiefsten Abgrund heraufgeholt hat. Und das ist, wie oben: „ein König, der tötet und lebendig macht und das Heil hervorsprießen lässt“. Das heißt, durch die Abstiege und Aufstiege sprießt daraus das Heil.
Nach dem Gesagten beginnt nun, nachdem er die erste Stufe durchlaufen hat, die „er dient Ihm nicht“ genannt wird, die Zeit, zur Stufe „Diener des Schöpfers“ zu gelangen. Das heißt, nachdem er die Ratschläge und Mittel angewandt hat, wie er aus der Stufe „er dient Ihm nicht“ herauskommt, empfängt er Hilfe von oben, wie es im heiligen Sohar heißt: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man“, indem man „ihm eine heilige Seele gibt“. Mit dieser Kraft kommt er aus der Herrschaft der Selbstliebe heraus und hat die Möglichkeit, nur in der Absicht zu geben zu arbeiten.
Es zeigt sich also: Wie der Mensch zur Stufe „Diener des Schöpfers“ gelangen kann, ist gerade dadurch, dass er die Stufe der Seele (Neshama) von oben verdient. Und das heißt, dass er jetzt „Früchte trägt“. Und was ist die Frucht? Dass er die Stufe der Seele verdient hat – das ist die Frucht. Das heißt, der Mensch muss wissen: Bevor er die „Frucht“ verdient, die „Seele“ genannt wird, kann er kein Diener des Schöpfers sein, sondern er muss notwendig Diener seiner selbst sein, was „er dient Ihm nicht“ genannt wird – aus dem oben genannten Grund, dass der Mensch nicht gegen die Natur handeln kann, in die er hineingeboren wurde, nämlich die Selbstliebe. Vielmehr kann nur der Schöpfer dieses Wunder wirken, die Natur zu verändern.
Und damit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „In Zukunft werden alle unfruchtbaren Bäume im Land Israel Früchte tragen.“ Das heißt, nachdem der Mensch die Stufe „Erez Jashar-El“ verdient hat (das Land Israel, in der Aufspaltung ‚Jashar-El‘ – gerade auf den Schöpfer hin) – indem er die Stufe der Seele verdient hat, wird alles korrigiert. Selbst die Stufe der „unfruchtbaren Bäume“, die keine Früchte hervorbringen – gemeint ist die Zeit des „er dient Ihm nicht“ –, auch sie empfängt eine Korrektur, nach der Art „seine vorsätzlichen Sünden werden ihm zu Verdiensten“.
Das heißt: Es ist unmöglich, Diener des Schöpfers zu sein, bevor man dahin kommt zu fühlen, dass man sich auf der Stufe „er dient Ihm nicht“ befindet. Denn die Abstiege und Aufstiege, die er hatte, als er sich in der Selbstliebe befand, waren Stufen und Stadien, damit er die Fähigkeit hätte, nach oben zum Ort der Vollkommenheit aufzusteigen. Und damit geht alles in die Heiligkeit ein, weil all diese Dinge ihm geholfen haben, die Vollkommenheit zu erreichen.
Nach dem Gesagten verstehen wir, dass „unfruchtbare Bäume“, die nach ihrer Natur nicht geeignet sind, eine Frucht hervorzubringen, dennoch eine Frucht tragen werden. Das heißt: Solange der Mensch sich im Zustand „nicht um ihretwillen“ (lo liShma) befindet, ist dieser Zustand sicher weit davon entfernt, Früchte zu tragen – also dass er ein Verständnis in der Arbeit und in der Tora verdiente, was „er hat es verdient, in den Palast des Königs einzutreten“ genannt wird. In der Zeit des „nicht um ihretwillen“ ist es im Gegenteil so, dass er sich von der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer entfernt. Dennoch, nachdem er den Einzug ins „Land Israel“ verdient hat, wird alles „nicht um ihretwillen“, das „unfruchtbare Bäume“ genannt wird, eine Frucht tragen – das heißt, dass das höhere Licht, das die Stufe der Seele genannt wird, auch auf diesen Gefäßen (Kelim) ruhen wird, weil alles in die Heiligkeit eingeht.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver3